Bedrückend und bewegend, sanft erzählt und doch sehr eindrücklich.

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
jam Avatar

Von

"Man muss sich erlauben, der Mensch zu sein, der man sein will", hatte Birdie gesagt.
Wer wollte er sein? Joseph wurde klar, dass er sich diese Frage nie gestellt hatte.
Kapitel "2. Januar 1964"
Nein, diese Frage musste sich Joseph auch nicht stellen. Er hätte aufs Gymnasium gehen sollen, doch als sein Bruder starb war klar, dass er den Hof und das Vieh übernehmen wird. Darum kümmert er sich aufopferungsvoll - doch um seine Frau und den gemeinsamen Sohn nicht. Die Angst hält ihn davon ab, alleine auf Samuel aufzupassen und seine Frau Lis fühlt sich alleingelassen. Vor einem halben Jahr hat sie deshalb den Hof verlassen und ist zu ihren Eltern gezogen. Ungewöhnlich für eine Frau in den 60iger Jahren, mutig.
Und Joseph? Er nimmt es hin, verliert jeden Sinn am Leben und an Weihnachten hat ihn die Mutlosigkeit so erfasst, dass er sich das Leben nehmen will. Da steht unvermittelt Birdie vor seiner Tür, geschwächt braucht sie seine Hilfe. Er, der es gewohnt ist, anzupacken, hilft ohne lange zu fragen. Doch Birdie stellt Fragen, ebenso wie Ada, die Schwester seiner Frau.
Von Anfang an erfahren wir Leser:innen, wie es Joseph geht, welche Gedanken ihn plagen, welche Gefühle ihn nachts wachhalten. Doch er braucht lange, um nach außen hin zu zeigen, wie es ihm geht. Birdie, sanft wie ein Vogel, der überraschend in sein Haus geflattert kam, pickt an seiner harten Schale und dringt langsam zu ihm durch ...
"Wirf einen Schatten" ist auf den ersten Blick ein trauriges Buch. Es erzählt mit vielen Zeitsprüngen, wie es Joseph jetzt, 1964 geht, wie er seine Frau kennenlernte, den schrecklichen Moment, als er seinen Bruder verlor. Joseph ist es gewohnt, die Dinge zu erledigen, die erledigt gehören, ohne sich zu fragen, ob man es machen will und welchen Zweck das alles letzten Endes hat. Mit Birdie und Ada beginnen die Fragen, und die Antworten kommen langsam. Joseph muss sich vieles eingestehen, seine Fehler aber vor allem seine Gefühle und Ängste.
Er versucht, Samuel wieder näherzukommen und ihm ein guter Vater zu sein, obwohl er selbst keinen guten Vater hatte. Dabei stolpert er, über seine eigenen Ansprüche, über das Leben. Doch die Frauen in seinem Leben, die, die schon lange da sind und die, die frisch in seine Stube gestolpert sind, helfen ihm, auf die Beine und in eine bessere Zukunft.
Obwohl die Geschichte in den 50iger und 60iger Jahren angesiedelt ist, könnte vieles davon heute genauso geschehen, das macht sie spannend und aktuell.
Fazit:
Bedrückend und bewegend, sanft erzählt und doch sehr eindrücklich.