Das Gute im Menschen

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christian1977 Avatar

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Heiligabend, 1963: Joseph hat mit seinem Leben abgeschlossen. Seine Frau Lis hat ihn mit dem gemeinsamen Sohn Samuel verlassen, und auch sein Bauernhof läuft alles andere als gut. Der Abschiedsbrief ist bereits verfasst, das Gewehr liegt in seiner Hand, als es an der Tür klingelt. Davor steht eine junge Frau, die sich Birdie nennt und dringend Hilfe benötigt…

So dramatisch und fast weihnachtlich märchenhaft beginnt Elena Fischers neuer Roman “Wirf einen Schatten”, der bei Diogenes erschienen ist. Nach ihrem erfolgreichen Coming-of-Age-Debüt “Paradise Garden” befasst sich die Autorin diesmal vornehmlich mit dem unglücklichen Seelenleben eines mittelalten Mannes. Dass dies ganz hervorragend funktioniert, liegt vor allem an der zauberhaft melancholischen Sprache, die mich von Beginn an nicht losließ.

Ich muss gestehen, dass mich der Roman aufgrund seines Klappentextes zunächst gar nicht wirklich interessiert hatte. Dann las ich die Leseprobe mit dem Anfangskapitel und war hin und weg. Wie empathisch Fischer schreiben kann, wie bewegend sie sich Mensch und Natur nähert. Dies habe ich über die gesamten 290 Seiten als wirklich außergewöhnlich empfunden.

Dabei ist das Erzähltempo sehr langsam, vielmehr lebt der Roman von seiner Atmosphäre und selbstverständlich von den Figuren. Die Männer heißen Joseph und Heinrich, die Frauen nennen sich Birdie, Lis und Ada. Ein Kontrast und ein gewollter Bruch, der für einen 60er-Jahre-Roman fast schon aufmüpfig wirkt, indem Elena Fischer gekonnt mit den Erwartungen ihrer Leserinnen spielt.

Anfangs glaubte ich aufgrund der Namen nämlich, das Setting wäre irgendein Bauernhof in der englischen Provinz und die 60er-Jahre können doch nur ein Fehler sein? Erst nach und nach und mit den Auftritten von Josephs Bruder Johann und seinem Nachbarn Heinrich konnte ich die Handlung Schritt für Schritt in ein deutschsprachiges Bergdorf verlegen.

Im Grunde mag der Ort so nebensächlich sein wie das Handlungsjahr. Denn Elena Fischer erzählt eine universell gültige Geschichte, die an das Gute im Menschen glaubt und dadurch gerade in der heutigen Zeit tief bewegt. Fischer wird ihren sich in höchster Not befindlichen Protagonisten im gesamten Buch nicht mehr allein lassen, keine einzige Szene kommt ohne Joseph aus. Dabei sind es eigentlich die Frauen, die ihn dazu bringen, Schritt für Schritt den Lebensmut zurückzugewinnen.

Da ist Birdie, die in derselben Situation zu sein scheint wie Joseph und zunächst dringend auf ihn angewiesen ist. Da ist seine Frau Lis, die sich dem Landleben entsagt und als alleinerziehende Frau lieber in die Stadt zieht, dabei aber Joseph letztlich doch nicht aus den Augen verliert. Und da ist vor allem Lis’ Schwester Ada, die eigentliche große Liebe der Hauptfigur, die ebenfalls erstaunlich modern daherkommt und unseren Helden nicht nur mit einem Gedichtband rettet.

Neben den offensichtlichen Themen wie Verlust, Familie und Liebe ist das zentrale Motiv von “Wirf einen Schatten” der Unterschied zwischen Tradition und Moderne. Die Männerfiguren sind in der Tradition zu verordnen, wobei sich Joseph nach und nach öffnet. Die Frauen sind nicht nur aufgrund ihrer Namen klare Vertreterinnen der Moderne. Die 1960er-Jahre spielten zudem in der Mechanisierung und Modernisierung der Landwirtschaft generell eine große Rolle und auch Joseph wird am Ende des Buches einen gewaltigen Schritt gehen.

Dabei stört es kaum, dass einige Dinge ein wenig konstruiert wirken und man vermutlich kein authentisches Bild der damaligen Gesellschaft gezeigt bekommt. Joseph hat als Bergbauer beispielsweise 1963 ein Telefon, er akzeptiert ohne Wimpernzucken eine lesbische Liebesbeziehung. Elena Fischer zeigt damit konsequent, zu welchen Brüchen sie für diesen Roman bereit ist.

Auch die Herangehensweise, Josephs Geschichte in zwei zeitlich auseinander driftenden Strängen zu erzählen, ist letztlich eine gute Entscheidung. Während der Hauptstrang die Leserschaft zusammen mit Joseph auf ein besseres Leben hoffen lässt, verläuft der zweite rückwärts und zeigt damit erst Schritt für Schritt, wie sich Lis und Joseph kennenlernten und wie überhaupt Ada in dessen Leben trat.

Insgesamt ist “Wirf einen Schatten” so etwas wie eine wärmende Decke, unter der ich nicht mehr herauskriechen wollte. Ein toller Roman, durch den Elena Fischer auch künftig nicht im Schatten der deutschen Gegenwartsliteratur stehen wird.