Die Liebe, vorwärts und rückwärts erzählt - 4,5⭐️
„Im Winter bereute man, was man im Herbst nicht erledigt hatte.
Joseph hatte nichts erledigt.
Er würde es auch nicht mehr tun.
Aus der leisen Ahnung der vergangenen Wochen war an diesem Morgen eine Gewissheit geworden. Seit fast sechs Monaten hatte er nichts von Lis gehört. Auf dem Land waren sechs Monate ein halber Zyklus Leben. Mehr als eine Jahreszeit, genug, um über Gedeih und Verderb eines Hofes zu entscheiden. Hier, in den Bergen, in den Dörfern, auf den Höfen, konnte man sich keine Fehler leisten. Der größte Fehler war, nicht mit der Natur zu arbeiten. Wie lange war ein halbes Jahr in der Stadt? Er wusste es nicht. Vielleicht lange genug, um sich an ein neues Leben zu gewöhnen, das im Grunde ja nur das alte war.“
Josephs Frau hat ihn verlassen und ist mit dem gemeinsamen Sohn Samuel zurück in die Stadt gegangen. Sie konnte sich nie an das einsame Leben auf dem Bauernhof gewöhnen. Doch auch Joseph quält die Einsamkeit eigentlich schon länger; er schleppt ein Trauma mit sich herum, seit damals sein Bruder starb und seine Mutter Selbstmord beging. Seitdem ist Joseph ein wortkarger Mann, der nie gelernt hat, über seine Gefühle zu reden. Sein Vorsatz, es besser zu machen als sein eigener Vater, scheiterte: Er konnte für Samuel nicht der Vater sein, der er hätte sein wollen.
Glücklicherweise gibt es noch Lis’ ältere Schwester Ada, zu der Joseph schon immer eine besonders enge Bindung hatte. Dennoch denkt auch Joseph darüber nach, seinem Leben ein Ende zu setzen – da steht plötzlich die 20-jährige Birdie vor seiner Tür, in schlechter körperlicher Verfassung und auf der Flucht vor ihrer Familie. Während Birdie sich bei Joseph versteckt und langsam erholt, beginnt sich auch in Joseph etwas zu verändern. Dank Birdie, Ada und auch Lis scheint es möglich, die Vergangenheit zu verarbeiten und aus vermeintlich vorgezeichneten Lebenswegen auszubrechen ...
„Drei Uhr achtunddreißig.
Joseph stand auf, um das Buch zu holen. Vielleicht würden ihn die Gedichte ablenken. Jetzt lag der Band nun einmal unten auf dem Tisch, er konnte zumindest einen Blick hineinwerfen. In der Stube legte er Holz nach, dann setzte er sich. Er blätterte eine Weile in dem Buch. Es gab kurze und lange Gedichte. Wahllos begann er zu lesen. Manchmal blieb er hängen, etwas traf ihn, ein Wort, ein Gedanke, er wusste nicht genau, was es war. Diese Stellen las er noch einmal. Es ging ums Aufbrechen und Ankommen, darum, in Bewegung zu sein. Immer auch um die Natur und den Menschen darin. Noch nie hatte er etwas Dergleichen gelesen. Wie war es möglich, solche Worte zu finden? Sie auf diese Weise aneinanderzufügen? Manches glaubte er zu verstehen, manches verstand er nicht. Joseph nahm den Bleistift, der noch auf dem Tisch lag, und begann, Zeilen zu unterstreichen. Erst als Birdie ihn ansprach, merkte er, wie still es in ihm geworden war.“
Inhaltlich möchte ich nichts hinzufügen, um nicht zu spoilern. Was ich sagen kann ist aber, dass Elena Fischer nach ihrem großartigen Debütroman „Paradise Garden“ nun mit „Wirf einen Schatten“ einen mehr als würdigen Nachfolger geschrieben hat.
Die beiden Zeitebenen, einmal vorwärts in der Gegenwart erzählt, einmal immer weiter zurück in die Vergangenheit, geben dem Roman eine ganz besondere Note. Erst zum Ende hin fügt sich alles zusammen. Das Ende ist mehr als gelungen.
Die liebevoll gezeichneten Charakere von Birdie, Joseph, Ada und Lis gefallen mir unglaublich gut.
„Die meisten Geschichten lassen sich in wenigen Sätzen zusammenfassen, doch das ändert nichts daran, dass sie für den Rest unseres Lebens in uns rumoren. Wir sollten für das kämpfen, was uns wichtig ist“
„Wirf einen Schatten“ ist ein sehr leiser, wunderbar feinfühliger Roman über die Kraft der Liebe und den Mut etwas Neues zu wagen, der noch lange in mir nachhallen wird.
Vielen Dank an den Diogenes Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚
Joseph hatte nichts erledigt.
Er würde es auch nicht mehr tun.
Aus der leisen Ahnung der vergangenen Wochen war an diesem Morgen eine Gewissheit geworden. Seit fast sechs Monaten hatte er nichts von Lis gehört. Auf dem Land waren sechs Monate ein halber Zyklus Leben. Mehr als eine Jahreszeit, genug, um über Gedeih und Verderb eines Hofes zu entscheiden. Hier, in den Bergen, in den Dörfern, auf den Höfen, konnte man sich keine Fehler leisten. Der größte Fehler war, nicht mit der Natur zu arbeiten. Wie lange war ein halbes Jahr in der Stadt? Er wusste es nicht. Vielleicht lange genug, um sich an ein neues Leben zu gewöhnen, das im Grunde ja nur das alte war.“
Josephs Frau hat ihn verlassen und ist mit dem gemeinsamen Sohn Samuel zurück in die Stadt gegangen. Sie konnte sich nie an das einsame Leben auf dem Bauernhof gewöhnen. Doch auch Joseph quält die Einsamkeit eigentlich schon länger; er schleppt ein Trauma mit sich herum, seit damals sein Bruder starb und seine Mutter Selbstmord beging. Seitdem ist Joseph ein wortkarger Mann, der nie gelernt hat, über seine Gefühle zu reden. Sein Vorsatz, es besser zu machen als sein eigener Vater, scheiterte: Er konnte für Samuel nicht der Vater sein, der er hätte sein wollen.
Glücklicherweise gibt es noch Lis’ ältere Schwester Ada, zu der Joseph schon immer eine besonders enge Bindung hatte. Dennoch denkt auch Joseph darüber nach, seinem Leben ein Ende zu setzen – da steht plötzlich die 20-jährige Birdie vor seiner Tür, in schlechter körperlicher Verfassung und auf der Flucht vor ihrer Familie. Während Birdie sich bei Joseph versteckt und langsam erholt, beginnt sich auch in Joseph etwas zu verändern. Dank Birdie, Ada und auch Lis scheint es möglich, die Vergangenheit zu verarbeiten und aus vermeintlich vorgezeichneten Lebenswegen auszubrechen ...
„Drei Uhr achtunddreißig.
Joseph stand auf, um das Buch zu holen. Vielleicht würden ihn die Gedichte ablenken. Jetzt lag der Band nun einmal unten auf dem Tisch, er konnte zumindest einen Blick hineinwerfen. In der Stube legte er Holz nach, dann setzte er sich. Er blätterte eine Weile in dem Buch. Es gab kurze und lange Gedichte. Wahllos begann er zu lesen. Manchmal blieb er hängen, etwas traf ihn, ein Wort, ein Gedanke, er wusste nicht genau, was es war. Diese Stellen las er noch einmal. Es ging ums Aufbrechen und Ankommen, darum, in Bewegung zu sein. Immer auch um die Natur und den Menschen darin. Noch nie hatte er etwas Dergleichen gelesen. Wie war es möglich, solche Worte zu finden? Sie auf diese Weise aneinanderzufügen? Manches glaubte er zu verstehen, manches verstand er nicht. Joseph nahm den Bleistift, der noch auf dem Tisch lag, und begann, Zeilen zu unterstreichen. Erst als Birdie ihn ansprach, merkte er, wie still es in ihm geworden war.“
Inhaltlich möchte ich nichts hinzufügen, um nicht zu spoilern. Was ich sagen kann ist aber, dass Elena Fischer nach ihrem großartigen Debütroman „Paradise Garden“ nun mit „Wirf einen Schatten“ einen mehr als würdigen Nachfolger geschrieben hat.
Die beiden Zeitebenen, einmal vorwärts in der Gegenwart erzählt, einmal immer weiter zurück in die Vergangenheit, geben dem Roman eine ganz besondere Note. Erst zum Ende hin fügt sich alles zusammen. Das Ende ist mehr als gelungen.
Die liebevoll gezeichneten Charakere von Birdie, Joseph, Ada und Lis gefallen mir unglaublich gut.
„Die meisten Geschichten lassen sich in wenigen Sätzen zusammenfassen, doch das ändert nichts daran, dass sie für den Rest unseres Lebens in uns rumoren. Wir sollten für das kämpfen, was uns wichtig ist“
„Wirf einen Schatten“ ist ein sehr leiser, wunderbar feinfühliger Roman über die Kraft der Liebe und den Mut etwas Neues zu wagen, der noch lange in mir nachhallen wird.
Vielen Dank an den Diogenes Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚