Ein leises Buch, eine klug erzählte Geschichte

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Es ist Weihnachten, das Jahr 1963 neigt sich dem Ende zu und Joseph sitzt da, am Morgen vor Heiligabend. Alleine. Einen Christbaum wird es diesmal geben, auch werden alle zukünftigen Tage, die in einer Familie etwas Besonderes sind, für ihn eher grau in grau sein. Still ist es hier, seit seine Frau Lis mitsamt ihrem gemeinsamen Sohn, dem vierjährigen Samuel, die Koffer gepackt hat und in die Stadt gezogen ist. Und nun herrscht Funkstille zwischen ihnen, seit beinahe einem halben Jahr.

Zwei Zeitebenen sind es, die Josephs Leben reflektieren. Das Heute, in dem er einsam und verlassen ist und er dann zurückblickt auf das Gestern, auf Lis und den kleinen Samuel und auf noch so einiges dazwischen. Joseph hinterfragt sein Leben, denkt an seine Herkunftsfamilie, an seine Eltern, die ihn nie so richtig gesehen haben. Denkt an seinen jüngeren Bruder Johann, an dessen frühen Tod er sich schuldig fühlt. Und er denkt zurück an die Zeit, als er und Lis sich begegnet sind. Er ist verzweifelt und gerade hat er einen Entschluss gefasst, als es klingelt und eine junge Frau vor der Tür steht. Sie nennt sich Birdie. Und da ist auch noch Ada, Lis‘ Schwester: „Eine Träumerin, denkt Joseph von Ada… Vielleicht gibt es überhaupt nur zwei Sorten Menschen auf der Welt: die Realisten und die Träumer.“

Nachdem ich Elena Fischers fulminantes Debüt „Paradies Garden“ gelesen habe, war ich auf ihr neuestes Werk „Wirf einen Schatten“ sehr gespannt und - auch ihr zweites Buch steht dem ersten in nichts nach. Es ist ein leises Buch, eine klug erzählte Geschichte, das von Verzweiflung genau so wie von Mut spricht. Vom Leben an sich, von Schicksalsschlägen und von Freundschaft, von der Kraft der Liebe, vom Auseinanderdriften und dem Zusammenfinden.

Elena Fischers Sprache ist voller Poesie. Ihre behutsame Erzählweise informiert, beobachtet, ohne anzuklagen, ihre Figuren sind nahbar, so manch Satz macht nachdenklich, wirkt lange nach. „Es gibt für alles eine Zeit. Fürs Säen und Ernten, fürs Bleiben und Gehen.“

Auch dieses zweite Buch der Autorin möchte ich nicht missen, diese kluge, diese kraftvolle und doch so feinfühlig erzählte Geschichte um Joseph, der alles verloren glaubt und dann weiß, einen Schatten zu werfen.