Einfühlsam erzählte Familiengeschichte, leider mit historischem Manko

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern Leerer Stern
kwinsu Avatar

Von

Bauer Joseph kann nicht mehr. Nachdem ihn seine Frau Lis vor einigen Monaten samt dem gemeinsamen Sohn Samuel verlassen hat, sieht er keinen Grund mehr weiterzuleben. Am Weihnachtsabend des Jahres 1963 beschließt er also, seinem Leben ein Ende zu setzen. Just als er seinen Plan in die Tat umsetzen will, steht plötzlich die junge Birdie vor seiner Tür, schwerkrank benötigt sie dringend seine Hilfe. Mit Widerwillen hilft er ihr, doch je mehr Tage sie miteinander verbringen, desto mehr Lebensgeister werden in Joseph wieder geweckt.

Elena Fischer erzählt mit "Wirf einen Schatten" eine einfühlsame Geschichte über das Leben in der Peripherie, das für die einen stimmig scheint und für die anderen zum Gefängnis wird. Es geht darum, wie bedrückend Konventionen sein können, wie belastbar Nichtgesagtes ist und wie nur ein Mensch das eigene Leben schlagartig verändern kann. Besonders hervorzuheben ist die geglückte Erzählperspektive. Einerseits wird in der erzählenden Gegenwart (1963/64) chronologisch die Beziehung von Joseph, Birdie sowie Josephs Schwägerin Ada erzählt, zu der er eine ganz besondere Verbindung hat. Ein weiterer Erzählstrang wird rückwärts geschildert, nämlich jener von Joseph, seiner Frau Lis und ihrem Sohn Samuel (und auch Ada). Nichts an den entgegenlaufenden Zeitstrahlen ist verwirrend, sondern alles überaus stimmig und einfach gut gelungen. Außerdem ist die Sprache der Autorin ein besonderer Genuss - sie erzählt beinahe schon in poetischem Stil, in einer Leichtigkeit, die etwas von der Schwere der damaligen Zeit nimmt, ihr etwas märchenhaftes verleiht. Die Sprache ist so eingänglich, dass bei mir sofort ein Film mit starken Bildern im Kopf entstanden ist, den ich nicht so schnell vergessen werde. Besonders die Landschaftsbeschreibungen, vom Wald, vom Schnee, vom Bauernhof, von den Tieren haben einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen, ebenso wie die eindrücklichen Charakterbeschreibungen der einzelnen Figuren, in die man sich sehr gut hineinfühlen kann. Vor allem Josephs Figur ist gut gelungen, er ist gezeichnet von einer schweren Kindheit, in der er immer nur der schwache Bruder war und unter dem herrischen Vater und der verzweifelten Mutter litt. Seine Emotionalität und Empathiefähigkeit sind für eine Männerfigur eine Wohltat, was mich aber auch gleich zu den Negativpunkten meiner Rezension führt.

Trotzdem ich von dem eben geschilderten sehr begeistert bin, gibt es für mich in diesem Buch aber leider ein wesentliches Manko, nämlich die Glaubwürdigkeit der Geschichte. Ich habe ja grundsätzlich nichts gegen fantastische Geschichten. Wählt jedoch eine Autorin bewusst ein zeithistorisches Setting, sollte dieses für meinen Geschmack auch glaubwürdig und gut recherchiert dargestellt werden. Auch wenn wir nicht genau wissen, in welchem Gebiet das Buch spielt - ich gehe von einem ländlichen Raum in Deutschland aus - sollten die zeitgenössischen Gegebenheiten doch auch einigermaßen stimmen. Das fängt bei den Namen an. So nennt sich Tilda etwa Birdie, was eher an eine Hippiebezeichnung (der sehr späten 60er/1970er) erinnert, als ein selbstgewählter Spitzname der frühen 1960er Jahre. Auch dass sich eine Elisabeth "Lis" genannt hat, ist außergewöhnlich, ebenso der Name "Ada". Dann ist auch ein Telefonanschluss im Roman sehr üblich - ein Telefonvollanschluss speziell im ländlichen Raum war aber in den 1960ern kaum vorhanden, noch weniger ein vorkommender Anrufbeantworter. Besonders Birdie ist eine Rebellin und ihrer Zeit weit voraus, wenn sie Themen wie Care-Arbeit oder die klassische Rollenverteilung kritisiert. Völlig unglaubwürdig ist dann Josephs Haltung zur Homosexualität, ist ihm diese doch völlig gleichgültig. Selbst wenn der Roman in der Gegenwart angesetzt wäre, wäre dies schon eine ungewöhnliche Haltung für einen Bauern in der Peripherie mit höchst konservativen Umfeld, aber im Setting der frühen 1960er-Jahre? Nö. Es ist zwar nachvollziehbar, warum die Zeit gewählt wurde, etwa, weil Mann eine Frau heiraten musste, nachdem er sie geschwängert hat und eine Trennung oder gar Scheidung höchstverpönt war. Aber wenn schon historisch, dann bitte doch plausibel.

Mein Fazit: "Wirf einen Schatten" ist ein wunderbar erzählte Familiengeschichte mit tollen, bildgewaltigen Charakter- und Landschaftsbeschreibungen, die leider durch historische Unglaubwürdigkeiten abgeschwächt wird. Schade, aber wem diese historischen Fehlgriffe nicht stören, kommt hier auf einen hohen Grad des Lesegenusses.