Emotionaler Familienroman mit Schwächen im historischen Setting
Der Roman wird auf zwei Zeitebenen erzählt: Die eine ist die Gegenwart beginnend mit dem 24.12.1963, als der Protagonist, Bergbauer Joseph, zutiefst deprimiert seinem Leben ein Ende setzen will, wovon ihn der überraschende Besuch der 20-jährigen Birdie abhält. Diese Ebene schreitet zunächst tageweise voran. Später werden die Abschnitte etwas größer und enden mit dem 8. Februar 1964. Die Vergangenheitsebene setzt im August 1963 ein, als Lis ihren Mann Joseph mit dem gemeinsamen Sohn verlässt. Interessanterweise wird diese zweite Ebene rückläufig erzählt. Man bewegt sich also fortschreitend vom August 1963 weg hin zu Ereignissen, die noch weiter zurück in der Vergangenheit liegen. Diese raffinierte Konstruktion beantwortet nach und nach offene Fragen und vertieft die Charaktere.
Zusätzliche Rückblicke ergeben sich aus den Erinnerungen der Figuren. Joseph wurde durch seinen kriegstraumatisierten Vater geprägt, der die Familie mit strenger Hand führte. Zwei frühe Todesfälle belasteten die kleine Familie zusätzlich, so dass Joseph zu einem verstockten, schweigsamen Mann heranwuchs, der seine Gefühle nicht auszudrücken vermag und Schwierigkeiten hat, Nähe zu Frau und Kind zuzulassen.
Birdie ist aus ihrem streng pietistischen Elternhaus geflohen. Sie kommt völlig entkräftet bei Joseph an, der sich hingebungsvoll um sie kümmert. Die neue Aufgabe belebt ihn, die Gespräche mit der jungen Frau eröffnen ihm neue Perspektiven. Eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit wird möglich. Joseph fängt an, seinen Lebensmut wiederzugewinnen, sich den Geistern seiner Kindheit zu stellen und einen Neubeginn zu wagen.
Elena Fischer schreibt sehr atmosphärisch, Schauplätze und Gefühle leuchtet sie anschaulich aus, man kann sich gut in ihre Figuren hineinversetzen. Immer wieder blitzen auch warmherzige Sätze und Metaphern auf, die zum Nachdenken anregen:
„Wovor fürchtete er sich? Die Einsamkeit zu verlassen? Oder festzustellen, dass die Einsamkeit ihn auch in Gesellschaft nicht verließ?“ (S. 17)
„In Lis ist eine Veränderung vorgegangen. Es ist, als ob man eine Blume mit hängendem Kopf ins Wasser stellt, als ob die Sonne durch die Wolken bricht.“ (S. 53)
„Manchmal gibt es keinen Weg zurück, und das Neue ist alles, was einem bleibt.“ (S. 72)
„Es gibt für alles eine Zeit. Fürs Säen und Ernten. Fürs Bleiben und Gehen.“ (S. 88)
Vieles an diesem Roman hat beinahe märchenhafte Züge, was mich während des ersten Drittels überhaupt nicht gestört hat. Dasselbe gilt für die betont modernen Namen Birdie, Ada oder Lis, die nicht recht in die Erzählzeit passen wollen. Aufgerüttelt wurde ich erst auf Seite 97, als Birdie für meine Begriffe moderne Forderungen der heutigen Gegenwart (z.B. Kritik an weiblicher Care-Arbeit, Rollenklischees, selbstverständlicher Umgang mit sexuellen Orientierungen) verkündet, die weder in den Kontext noch ins Bild der damaligen Zeit passen. Danach stießen mir immer mehr Sachverhalte auf, die wenig authentisch wirken: Schreibabys dürfte man anno 1960 noch nicht getragen haben. Die Eltern einer schwangeren Braut lernte man VOR der Verlobung kennen. Auch wird der Umgang mit Sexualität zu freizügig und dessen Folgen viel zu konfliktfrei beschrieben, denn die 1960er zeigten sich gerade im ländlichen Raum noch unglaublich prüde. Ja, und Telefone waren damals längst keine Selbstverständlichkeit in privaten Haushalten, Anrufbeantworter sogar teurer Luxus.
Ich finde es schade, dass sich die Autorin nur so zaghaft an den damaligen gesellschaftlichen Gegebenheiten orientiert. Wenn die Jahreszahlen konkret im Text genannt werden, erwarte ich mehr historische Genauigkeit. Wäre diese Geschichte in den 2000er Jahren angesiedelt, was mit wenigen Umschreibungen möglich gewesen wäre, würde mein Fazit deutlich positiver ausfallen. Aufgefallen sind mir auch einige der reinen Dramaturgie geschuldete Plot Twists, auf die ich aber nicht näher eingehe, um nicht zu spoilern.
Dieses Buch ist eines zum Eintauchen und um in einer gut geschriebenen, emotionalen Entwicklungs- und Liebesgeschichte zu versinken. Einer kritischen historischen Prüfung hält es leider nicht stand. Wer darüber hinwegsehen kann, wird viel Freude an der Lektüre haben. Die vielen positiven Stimmen haben unter der genannten Prämisse absolut ihre Rechtfertigung. Elena Fischer ist eine begabte Autorin, von der wir gewiss noch viel hören werden.
Von mir in diesem Fall leider nur eine eingeschränkte Leseempfehlung.
Zusätzliche Rückblicke ergeben sich aus den Erinnerungen der Figuren. Joseph wurde durch seinen kriegstraumatisierten Vater geprägt, der die Familie mit strenger Hand führte. Zwei frühe Todesfälle belasteten die kleine Familie zusätzlich, so dass Joseph zu einem verstockten, schweigsamen Mann heranwuchs, der seine Gefühle nicht auszudrücken vermag und Schwierigkeiten hat, Nähe zu Frau und Kind zuzulassen.
Birdie ist aus ihrem streng pietistischen Elternhaus geflohen. Sie kommt völlig entkräftet bei Joseph an, der sich hingebungsvoll um sie kümmert. Die neue Aufgabe belebt ihn, die Gespräche mit der jungen Frau eröffnen ihm neue Perspektiven. Eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit wird möglich. Joseph fängt an, seinen Lebensmut wiederzugewinnen, sich den Geistern seiner Kindheit zu stellen und einen Neubeginn zu wagen.
Elena Fischer schreibt sehr atmosphärisch, Schauplätze und Gefühle leuchtet sie anschaulich aus, man kann sich gut in ihre Figuren hineinversetzen. Immer wieder blitzen auch warmherzige Sätze und Metaphern auf, die zum Nachdenken anregen:
„Wovor fürchtete er sich? Die Einsamkeit zu verlassen? Oder festzustellen, dass die Einsamkeit ihn auch in Gesellschaft nicht verließ?“ (S. 17)
„In Lis ist eine Veränderung vorgegangen. Es ist, als ob man eine Blume mit hängendem Kopf ins Wasser stellt, als ob die Sonne durch die Wolken bricht.“ (S. 53)
„Manchmal gibt es keinen Weg zurück, und das Neue ist alles, was einem bleibt.“ (S. 72)
„Es gibt für alles eine Zeit. Fürs Säen und Ernten. Fürs Bleiben und Gehen.“ (S. 88)
Vieles an diesem Roman hat beinahe märchenhafte Züge, was mich während des ersten Drittels überhaupt nicht gestört hat. Dasselbe gilt für die betont modernen Namen Birdie, Ada oder Lis, die nicht recht in die Erzählzeit passen wollen. Aufgerüttelt wurde ich erst auf Seite 97, als Birdie für meine Begriffe moderne Forderungen der heutigen Gegenwart (z.B. Kritik an weiblicher Care-Arbeit, Rollenklischees, selbstverständlicher Umgang mit sexuellen Orientierungen) verkündet, die weder in den Kontext noch ins Bild der damaligen Zeit passen. Danach stießen mir immer mehr Sachverhalte auf, die wenig authentisch wirken: Schreibabys dürfte man anno 1960 noch nicht getragen haben. Die Eltern einer schwangeren Braut lernte man VOR der Verlobung kennen. Auch wird der Umgang mit Sexualität zu freizügig und dessen Folgen viel zu konfliktfrei beschrieben, denn die 1960er zeigten sich gerade im ländlichen Raum noch unglaublich prüde. Ja, und Telefone waren damals längst keine Selbstverständlichkeit in privaten Haushalten, Anrufbeantworter sogar teurer Luxus.
Ich finde es schade, dass sich die Autorin nur so zaghaft an den damaligen gesellschaftlichen Gegebenheiten orientiert. Wenn die Jahreszahlen konkret im Text genannt werden, erwarte ich mehr historische Genauigkeit. Wäre diese Geschichte in den 2000er Jahren angesiedelt, was mit wenigen Umschreibungen möglich gewesen wäre, würde mein Fazit deutlich positiver ausfallen. Aufgefallen sind mir auch einige der reinen Dramaturgie geschuldete Plot Twists, auf die ich aber nicht näher eingehe, um nicht zu spoilern.
Dieses Buch ist eines zum Eintauchen und um in einer gut geschriebenen, emotionalen Entwicklungs- und Liebesgeschichte zu versinken. Einer kritischen historischen Prüfung hält es leider nicht stand. Wer darüber hinwegsehen kann, wird viel Freude an der Lektüre haben. Die vielen positiven Stimmen haben unter der genannten Prämisse absolut ihre Rechtfertigung. Elena Fischer ist eine begabte Autorin, von der wir gewiss noch viel hören werden.
Von mir in diesem Fall leider nur eine eingeschränkte Leseempfehlung.