Jedes Leben sollte einen Schatten werfen

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„Lieber Joseph, … Wirf einen Schatten!“ (S. 279) ist Birdies Geburtstagswunsch an den Mann, der sie aus großer Not gerettet hat. Oder hat sie ihn gerettet? Die Tatsache, dass sie seine Hilfe dringend brauchte, hat Joseph buchstäblich in letzter Sekunde selbst vom Abgrund zurückgezerrt. Dabei hatte er sich alles gut überlegt, die Versorgung der Tiere auf seinem Hof eingeschlossen. Und dann steht am Heiligabend diese junge Frau vor seiner Tür, und seine Probleme werden zunächst nebensächlich. Er kümmert sich um sie, holt die Hebamme, weil sie keinen Arzt will, pflegt sie gesund, gibt ihr Kleidung, kocht Essen, lässt sie ausruhen. Er drängt sie nicht, sondern wartet, bis sie ihm ihre Geschichte erzählt. Und während sich beide langsam annähern, erfahren die Leser:innen auch Josephs Geschichte. Vergangenheit und Einsamkeit treffen in ihr auf Trauer und Verzweiflung und werden zu einer immer tieferen Depression, aus der sich Joseph nicht befreien kann. Doch Birdie braucht ihn erst mal dringender und verschafft ihm so eine Atempause von seinen eigenen Problemen.

Elena Fischers Roman „Wirf einen Schatten“ entwirft in sanfter und doch klarer Sprache die Geschichte eines Mannes, der nie gelernt hat, sich selbst zu vertrauen. In einem Zeitraum von etwa sieben Jahren schildert die Autorin, teils in kurzen Rückblenden, wie Joseph stoisch versucht, sein Leben zu meistern – und trotzdem scheitert. Und dann kommt Birdie und bringt mit ihrem Trotz und ihrem Tatendrang erstmals wieder Hoffnung in Josephs Leben. „Man muss sich erlauben, der Mensch zu sein, der man sein will“, ist ihre Meinung, und Joseph wird langsam klar, dass er bisher immer nur wusste, wie er sein soll, doch nie, was er selbst wirklich will (S. 162).

Genau so plötzlich, wie Birdie in Josephs Leben auftaucht, verschwindet sie auch wieder. Im letzten Drittel des Buches wird sie zur Nebenfigur, auch wenn sie ihn am Ende noch einmal in die richtige Richtung schubst. Ich hatte das Gefühl, sie war Mittel zum Zweck, und die Autorin ließ Birdie ebenso unvermittelt „vom Himmel fallen“, wie später ihre Idee, Fotografin zu werden (S. 117).
Joseph wird sehr eingehend beschrieben: Die Melancholie, die Traumata und seine Hilflosigkeit sind genauso spürbar und glaubhaft wie seine Verbundenheit mit dem Land, die Liebe zu seinen Tieren sowie seine tiefe Sehnsucht nach etwas, das er nicht in Worte fassen kann. Auch seine Frau Lis bekommt durch die rückwärts erzählten Kapitel ausreichend Kontur. Ziemlich blass bleiben Birdie und Ada. Vor allem Letztere wirkt wie ein konstanter, geisterhafter Sidekick, der immer mal helfend erscheint, immer im Hintergrund bleibt und doch eine fast mystische Verbindung zu Joseph hat. Hier hätte ich mir etwas mehr Tiefe gewünscht. Ich mochte Ada und wartete ständig auf ihre Version der Geschichte. Ihr betont passives Verhalten passte für mich nicht zu ihrer sonstigen selbstbewussten Art, mit der sie ihr Leben als unabhängige Frau gestaltete – was in den 1960er-Jahren sicherlich ungewöhnlich und oft nicht einfach gewesen ist. Ihre Figur ist wie ein unscharfes Bild, das, egal in welchem Licht, den Menschen dahinter einfach nicht deutlich erkennbar macht. Schade.

Das Thema Kriegs- und Nachkriegsgeneration zieht sich fast unmerklich durch die gesamte Geschichte, wird aber nicht zum offensiven Faktor. Dadurch wirkt die Geschichte angenehm zeitlos und man vergisst zwischenzeitlich, dass sie in den 1950er- und 1960er-Jahren angesiedelt ist. Reibungslos wird die Trennung skizziert, und die Frauenfiguren wirken durchweg und fast irritierend unkonventionell. Als Joseph erneut an einen Tiefpunkt kommt, reicht ein wütender Anruf von Birdie, um ihn aus der Depression zu befreien, was erzählerisch wie eine Abkürzung wirkt. Wie von selbst lässt er die lange unterdrückte Trauer zu, stellt sich Unverarbeitetem und ist plötzlich ein neuer Mensch. Die Schneeglöckchen-Metapher, die am Ende den ersehnten Neuanfang symbolisiert, erscheint konstruiert, und man hat das Gefühl, dass Josephs Kindheitstrauma noch schnell abgeschlossen werden musste. Trotzdem war ich froh über den positiven Ausgang, denn Josephs Geschichte hat mich trotz aller Symbolik sehr berührt und sogar etwas deprimiert, sodass ich am Ende selbst Hoffnung ersehnt habe.