Melancholisch und berührend!
TW: Suizidgedanken
In einem Dorf im Nachkriegs-Deutschland bewirtschaftet Joseph einen Hof. Als seine Frau Lis gemeinsam mit dem gemeinsamen Sohn Samuel den Hof verlässt, um in die Stadt zu ziehen, stürzt Joseph in eine tiefe Einsamkeit. Bis kurz vor Weihnachten plötzlich ein junges Mädchen vor seiner Tür steht, das seine Hilfe braucht. Gemeinsam mit seiner Schwägerin Ada versucht er, dem Mädchen zu helfen. Erzählt wird die Geschichte auf zwei Zeitebenen: der Gegenwartsstrang bewegt sich vorwärts, der Vergangenheitsstrang rückwärts.
Wer ein rasantes Erzähltempo, viele Plottwists und eine dichte Handlung erwartet, wird bei diesem Buch nicht fündig. Elena Fischer lässt sich bewusst Zeit und nutzt die Seiten, um die Gefühlswelt ihrer Protagonist*innen ebenso wie die Atmosphäre im Detail zu beschreiben. Genau darin liegt für mich auch die größte Stärke des Romans.
Besonders die Schilderungen von Einsamkeit und den depressiven Gefühlen, die Joseph umgeben, haben mich an mehreren Stellen wirklich tief berührt. Beispiel: „Der Schmerz darüber schwoll an und ab, war zu einem Grundrauschen geworden, war ein Teil von ihm. Die Tage wurden dunkler. Es war eine Dunkelheit, in der man sich verirren konnte, eine, aus der man nicht mehr herausfand.“
Sehr gelungen fand ich auch, wie die Beziehung zwischen Lis und Joseph gezeichnet wird: Man kann sich in beide gleichermaßen hineinversetzen, ohne dass der Eindruck entsteht, hier werde ein „guter“ gegen einen „bösen“ Partner ausgespielt. Die Enge, die Lis im Dorfleben zu schaffen macht, wird sehr gut herausgearbeitet. Auch das Bild von Elternschaft in den Nachkriegsjahren fand ich sehr gut dargestellt: Männer, die nichts anderes gelernt haben, als ihre eigene autoritäre Erziehung weiterzugeben - eine Erziehung, die keine Sanftheit und keine Gefühle (vor allem bei Männern) zulässt. Wie Joseph versucht, sich aus genau diesen Mustern zu lösen, fand ich sehr gut beschrieben.
Das einzige was mich gestört hat, waren ab und an kleine Plausibilitätslücken in der Handlung, z.B. dass ein junges Mädchen ohne Angst auf dem Hof eines fremden, alleinstehenden Mannes übernachtet - das kann ich mir fast nicht vorstellen.
Aber alles in allem ist das Buch für mich vor allem wegen seiner melancholischen, poetischen Erzählweise eine absolute Leseempfehlung!
In einem Dorf im Nachkriegs-Deutschland bewirtschaftet Joseph einen Hof. Als seine Frau Lis gemeinsam mit dem gemeinsamen Sohn Samuel den Hof verlässt, um in die Stadt zu ziehen, stürzt Joseph in eine tiefe Einsamkeit. Bis kurz vor Weihnachten plötzlich ein junges Mädchen vor seiner Tür steht, das seine Hilfe braucht. Gemeinsam mit seiner Schwägerin Ada versucht er, dem Mädchen zu helfen. Erzählt wird die Geschichte auf zwei Zeitebenen: der Gegenwartsstrang bewegt sich vorwärts, der Vergangenheitsstrang rückwärts.
Wer ein rasantes Erzähltempo, viele Plottwists und eine dichte Handlung erwartet, wird bei diesem Buch nicht fündig. Elena Fischer lässt sich bewusst Zeit und nutzt die Seiten, um die Gefühlswelt ihrer Protagonist*innen ebenso wie die Atmosphäre im Detail zu beschreiben. Genau darin liegt für mich auch die größte Stärke des Romans.
Besonders die Schilderungen von Einsamkeit und den depressiven Gefühlen, die Joseph umgeben, haben mich an mehreren Stellen wirklich tief berührt. Beispiel: „Der Schmerz darüber schwoll an und ab, war zu einem Grundrauschen geworden, war ein Teil von ihm. Die Tage wurden dunkler. Es war eine Dunkelheit, in der man sich verirren konnte, eine, aus der man nicht mehr herausfand.“
Sehr gelungen fand ich auch, wie die Beziehung zwischen Lis und Joseph gezeichnet wird: Man kann sich in beide gleichermaßen hineinversetzen, ohne dass der Eindruck entsteht, hier werde ein „guter“ gegen einen „bösen“ Partner ausgespielt. Die Enge, die Lis im Dorfleben zu schaffen macht, wird sehr gut herausgearbeitet. Auch das Bild von Elternschaft in den Nachkriegsjahren fand ich sehr gut dargestellt: Männer, die nichts anderes gelernt haben, als ihre eigene autoritäre Erziehung weiterzugeben - eine Erziehung, die keine Sanftheit und keine Gefühle (vor allem bei Männern) zulässt. Wie Joseph versucht, sich aus genau diesen Mustern zu lösen, fand ich sehr gut beschrieben.
Das einzige was mich gestört hat, waren ab und an kleine Plausibilitätslücken in der Handlung, z.B. dass ein junges Mädchen ohne Angst auf dem Hof eines fremden, alleinstehenden Mannes übernachtet - das kann ich mir fast nicht vorstellen.
Aber alles in allem ist das Buch für mich vor allem wegen seiner melancholischen, poetischen Erzählweise eine absolute Leseempfehlung!