Hexen gegen patriarchale Machtstrukturen

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bella0070 Avatar

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Im Zentrum der neuen Romantasy-Reihe "Witch of the Wolves" von Kaylee Archer steht die junge Hexe Cordelia, die völlig unvorbereitet in eine ihr fremde Welt gerissen wird. Auf Befehl ihres bislang unbekannten Vaters, des Alphas eines Werwolfrudels, wird sie von seinem Untergebenen Bishop entführt. Unter dem Vorwand, sie müsse beschützt werden, gerät sie in eine Intrige, die schnell deutlich macht, dass ihr Vater keine edlen Absichten verfolgt.

Das Cover ist ansprechend und auffällig gestaltet, auch wenn es nur bedingt zum Inhalt des Buches passt.

Bereits die ersten Seiten entfalten eine eindringliche Spannung, die einen unmittelbar in das Geschehen hineinzieht. Die Handlung eröffnet eine faszinierende Welt zwischen viktorianischem England und düsterer Fantasy, Ich würde die Handlung zeitlich um 1880 bis 1890 ansiedeln: elektrische Beleuchtung ist vorhanden, Autos jedoch noch nicht. Der Schreibstil ist flüssig und leicht lesbar und ermöglicht ebenfalls ein müheloses Eintauchen in die Handlung.

Die Autorin entwirft eine grausame patriarchalische Gesellschaft, in der Frauen dem Willen ihrer Väter oder ihrer Ehemänner als Besitz untergeordnet sind. Es herrscht eine Atmosphäre aus Magie, Macht und Unterdrückung. Diese gesellschaftliche Enge bildet einen starken Kontrast zu Cordelias Charakter: Sie ist eine selbstbewusst und unabhängige Hexe, die nur unter Frauen aufgewachsen ist. Gerade das macht sie zu einer bemerkenswerten Protagonistin, in die man sich gut hineinfühlen kann.

Das Worldbuilding hat mir ausgesprochen gut gefallen: die Koexistenz von Menschen, Hexen, Werwölfen, Dämonen und Zauberern, verborgen vor der ahnungslosen Menschenwelt, ist überzeugend dargestellt. Auch die Dynamik zwischen Cordelia und Bishop, die zwischen Misstrauen, Faszination und Nähe schwankt, verleiht der Geschichte emotionale Tiefe.

Allerdings verliert der Roman im Mittelteil etwas an Tempo. Die romantischen und erotischen Szenen sind sehr ausführlich beschrieben, was zwar Fans von Romantasy freuen dürfte, für mich aber die Spannung etwas gedämpft hat. Außerdem wirkt die Gewaltdarstellungen in den Kämpfen stellenweise fast verherrlichend, was für mich ein Aspekt ist, dem ich persönlich zwiespältig gegenüberstehe, der aber zum Genre passt.

Positiv hervorzuheben ist, dass die Handlung in sich abgeschlossen ist, obwohl es sich um den Auftakt einer Reihe handelt. Der Cliffhanger am Ende macht neugierig auf die Fortsetzung, lässt aber dennoch ein befriedigendes Schluss für diesen Band zurück.

FAZIT: Ein fesselnder Romantasy-Auftakt mit starker Weltgestaltung, gesellschaftlicher Tiefe und einer überzeugenden Heldin. Trotz einiger Längen und überbordender Szenen im Mittelteil bietet Witch of the Wolves packende Unterhaltung, besonders für Leserinnen und Leser, die düstere, emotionale Fantasy mit feministischem Unterton schätzen.