Starke oder schwache Dynamik

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evaerl Avatar

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Ganz überzeugen konnte mich Witch of the Wolves leider nicht, auch wenn der Einstieg vielversprechend war. Hexen und Wölfe sind für mich grundsätzlich eine starke Kombination, und das Buch bringt auch definitiv spannende Ansätze mit. Dennoch gab es immer wieder sehr lange Passagen, in denen kaum etwas passiert ist. Andere Entwicklungen waren dafür sehr vorhersehbar. Wiederum manche Wendungen hätten schockieren sollen, haben mich aber emotional nicht wirklich getroffen, da ich mich nicht stark genug mit den Figuren verbunden gefühlt habe.



Cordelia ist ohne Frage eine starke Frau und ein sehr präsenter Charakter, der mir von Anfang an gefallen hat. Gleichzeitig wirkt sie an manchen Stellen naiv und leichtsinnig. Besonders schade fand ich, dass sie sich recht schnell von ihrem eigenen Glauben abbringen lässt. Dem gegenüber stehen jedoch ihre mutige, loyale Seite und ihr klarer Wille, für das zu kämpfen, was ihr wichtig ist. Diese Gegensätze machen sie interessant, auch wenn sie nicht immer konsequent ausgearbeitet wirken.



Bishop ist für mich einer der spannendsten Charaktere der Geschichte. Gerade weil man ihn zu Beginn nur schwer einschätzen kann, bleibt er lange faszinierend. Dadurch, dass man die Handlung ausschließlich aus Cordelias Perspektive erlebt, weiß man nie genau, ob man ihm trauen kann oder nicht. Täuscht man sich in ihm oder sagt er die Wahrheit? Diese Unsicherheit hat mir sehr gefallen. Auch die Liebesgeschichte zwischen den beiden empfand ich als gut aufgebaut. Sie entwickelt sich langsam und wirkt nicht überstürzt. Dennoch hatte ich nie diesen einen klaren Moment, in dem ich wirklich verstanden habe, warum die beiden sich ineinander verlieben.



Nebenfiguren wie Julius, Felix oder Lenora haben der Geschichte viel Leben und Wärme verliehen. Sie haben für mich eindeutig zu den stärkeren Aspekten des Buches gehört. Die Gegenseite rund um Silas erfüllt ihre Rolle ebenfalls gut. Besonders Cordelias Vater war mir von Beginn an unsympathisch, und es war früh spürbar, dass mit ihm etwas nicht stimmt.



Das Worldbuilding fand ich angenehm dosiert. Die Welt ist nicht überladen, man kann sich alles gut vorstellen, ohne von Details erschlagen zu werden. Auch der Schreibstil ist insgesamt sehr angenehm. Die gewählte Perspektive erlaubt einen guten Einblick in Cordelias Gedanken und Gefühle und macht das Geschehen gut nachvollziehbar.



Die Handlung selbst empfand ich jedoch über weite Strecken als etwas langweilig. Es fehlte mir das Gefühl, wirklich überrascht zu werden. Während einzelne Details durchaus gelungen waren, war das große Ganze meist vorhersehbar. Zudem bleibt die Geschichte sehr lange an einem Ort, was auf Dauer eintönig wirkte und das Tempo zusätzlich ausgebremst hat.



Insgesamt ein Buch mit guten Ideen, starken Ansätzen und einzelnen sehr gelungenen Figuren, das mich aber emotional und spannungstechnisch nicht vollständig abholen konnte.