Urban Fantasy Debüt mit verschenktem Potenzial

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dasleselisl Avatar

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Auf Witch of the Wolves – Halbmond Erbe habe ich mich wirklich gefreut. Urban Fantasy gehört für mich normalerweise in ein modernes Setting – genau das hatte ich hier auch erwartet. Umso irritierender war es, dass die Geschichte offenbar im viktorianischen Zeitalter spielt, ohne dies klar zu benennen. Stattdessen wird man nur durch vereinzelte Hinweise wie steife Umgangsformen oder Begriffe wie „Droschke“ darauf gestoßen. Eine atmosphärische, greifbare Beschreibung der Welt? Fehlanzeige. Gerade im Fantasy-Genre ist gelungenes Worldbuilding essenziell – hier wurde leider viel Potenzial verschenkt.

Im Mittelpunkt steht Cordelia Levine, eine junge Hexe, die in der Apotheke ihrer Tante arbeitet. Ihr Leben gerät aus den Fugen, als der Werwolf Bishop Danvers sie im Auftrag ihres entfremdeten Vaters entführt. In der Werwolf-Mansion angekommen, erfährt sie von ihrer Herkunft aus einer mächtigen Hexenlinie mit Werwolfmerkmalen – und wird letztlich auf ihre Rolle als „Zuchtstute“ reduziert.

Doch weder das Magiesystem noch die Figuren konnten mich überzeugen. Obwohl Cordelia aus einer starken Linie stammt, wirkt ihre Magie schwach und wenig durchdacht: Nach wenigen Zaubern ist sie erschöpft, und insgesamt bleibt Magie ein Randaspekt der Handlung. Auch die Darstellung der Werwolfgesellschaft empfand ich als problematisch – ein überzogenes, kaum reflektiertes Patriarchat mit willkürlicher Gewalt und fragwürdiger Machtdynamik.

Besonders enttäuschend waren für mich die Charaktere. Cordelia bleibt bis zum Schluss blass und schwer greifbar, ihre Persönlichkeit wird kaum greifbar. Bishop ist noch am differenziertesten dargestellt, während die übrigen Figuren kaum über schemenhafte Ansätze hinausgehen.

Inhaltlich passiert über weite Strecken erschreckend wenig. Große Teile der Handlung bestehen aus wiederholenden Gedankenschleifen Cordelias, die sich hauptsächlich um ihre widersprüchlichen Gefühle gegenüber Bishop drehen. Die wenigen „spicy“ Szenen wirken eher gewollt als gelungen. Insgesamt hätte man gut zwei Drittel der Geschichte straffen können, ohne etwas zu verlieren.

Der Lesefluss war für mich entsprechend mühsam – besonders im Mittelteil zog sich das Buch sehr. Erst die letzten rund 60 Seiten bringen etwas Tempo und enden schließlich in einem Cliffhanger.

Trotz aller Kritik überlege ich tatsächlich, dem zweiten Band noch eine Chance zu geben – in der Hoffnung, dass das vorhandene Potenzial besser genutzt wird. Dieses Debüt bleibt für mich jedoch vor allem eines: vielversprechend, aber letztlich enttäuschend. Schade – da wäre deutlich mehr möglich gewesen.