Einmal in den Wahnsinn und zurück

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marcello Avatar

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Nach drei Jahren Pause gibt es auf dem deutschen Buchmarkt wieder Nachschub von Colleen Hoover. Das lange Warten ist ihr leicht zu verzeihen, wenn man die Pressetour zu ihrer Buchverfilmung „It Ends With Us“ bedenkt und dass sie an Krebs erkrankt ist. Nun gibt es „Woman Down“, was wohl eine ausgearbeitete Version einer Kurzgeschichte namens „Saint“ ist. Diese kenne ich gar nicht, aber ich fand es interessant, dass Hoover ein so ausgiebiges Vorwort beigefügt hat, in dem sie die Fiktionalität ihrer Geschichte betont, was wohl auch nötig ist, wenn man bedenkt, dass Hauptfigur Petra ebenfalls Autorin ist.

Natürlich kann ich als Leserin nicht ausschließen, dass ich nicht unweigerlich Vergleiche anstelle, um dem Charakter der Autorin näherzukommen, aber es gibt genug Genres, an denen man es auf die Spitze treiben kann, zwischen den Figuren und den Autoren unterscheiden zu müssen. Aber es wird etwas eingeflossen sein, während der Rest gut als Fantasie stehen bleiben kann. Für mich war auch beim Inhalt deutlich spannender, dass sich viele aktuelle Themen in dem Buch befinden. Wir haben Cancel Culture, wir haben Online-Mobbing, wir haben die Rechtfertigung für bestimmte Genres (Stichwort Dark Romance), wir haben auch die Forderung, dass man nur über Themen schreiben soll, die einem selbst widerfahren sind. Da war also wirklich einiges drin und das hat mich neugierig gemacht. Zumal man Hoover jetzt auch nicht unterstellen kann, sich da klar positioniert zu haben. Nein, stattdessen ist das sehr offen und man kann sich ganz eigene Gedanken machen.

Ich habe „Woman Down“ als Hörbuch gehabt. Wie bei Hoover-Büchern offenbar üblich, ist Marlene Rauch als Erzählerin dabei. Sie hat einfach etwas sehr Zartes in der Stimme und auch wenn ich es nicht unbedingt clever, bei einer Autorin so eine klare Zuordnung der Stimme zu haben, so passt die Art schon auf die Figuren, denn Hoovers Frauen haben alle emotionale Abgründe, die sie schon schwer verletzt haben und wo sie sich rauskämpfen müssen. Aber weil das Buch zwischendurch auch etwas wütend macht, war diese Nuance in der Stimme dann manchmal genau kontraproduktiv, weil ich die Figur dann nur noch mehr schütteln wollte.

Warum ich wütend wurde, dafür ist etwas weiter auszuholen, aber es ist auch schwierig, zu spoilern. Aber ich muss auch betonen, dass ich keinesfalls wütend auf Hoover bin. Denn sie wollte das wahrscheinlich genau so auslösen und provokantes Schreiben ist einfach ihr Ding und das weiß ich zu schätzen. Hier gab es aber echt Momente, die mich sehr aufgewühlt haben. Ich weiß jetzt, dass ich das Buch definitiv nicht nochmal lesen/hören werde, aber deswegen fand ich es keinesfalls schlecht. Umgekehrt würde ich eher sagen, dass es sich in seiner Intention einfach so eingebrannt hat, dass ich den Effekt nicht mehr wiederholen muss und wahrscheinlich würde er auch gar nicht mehr so entstehen. Petra ist aber in jedem Fall eine sehr streitbare Figur und ich musste viel an die Hulu-Produktion „Tell Me Lies“ denken. Denn es gibt Momente, in denen ich sehr für Petra fühlen konnte, nur um dann wieder die Augen zu verdrehen und sie für verrückt zu erklären. Aber das ist echt. Ich kenne so viele Leute, die widersprüchlich sind. Ich kann man sich sogar selbst in den Wahnsinn treiben, mit anderen Handlungsebenen, aber trotzdem ist da ein gemeinsamer Kern. „Woman Down“ ist auch ein Buch, das einen mit etwas konfrontiert, dem man sich nicht freiwillig stellt. Das macht die Geschichte anstrengend, aber auch wichtig.

Man merkt, eine Rezension ist hier schwierig zu schreiben, weil sonst zu viel von der Geschichte weggenommen wird. Aber da Petra selbst Romantic Thrill schreibt, kann man im entferntesten Sinne „Woman Down“ dort einordnen. Das heißt, dass es auch Mysterien gab. Einige waren zu erahnen, andere nicht. Insgesamt ist die Balance aber gelungen, denn ich habe sehr schnell durchgehört, weil ein Sog auf jeden Fall erzeugt wurde.

Fazit: „Woman Down“ gehört zu den Büchern, die man nur schwer bewerten kann, weil man inhaltlich keinesfalls etwas angeben darf, um anderen die Erfahrung nicht zu nehmen. Hoover hat mich damit auf jeden Fall an gewisse Grenzen getrieben, hat aber für mich auch wieder bewiesen, warum ich sie als Autorin immer feiern werde. Sie mag mit ihren experimentelleren Büchern nicht einen universellen Geschmack treffen, aber für mich persönlich unterstreicht sie ihren Wert, weil sie keine Grenzen kennt und damit uns selbst als Leserschaft aus der Komfortzone drängt.