Bissig, unlikable und einfach großartige Unterhaltung

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nessabo Avatar

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Dieses Werk ist 2026 wohl an den wenigsten Lesemäusen vorbeigegangen. Fand ich, dass es ein bahnbrechend feministisches Werk ist? Nein. Wurde ich grandios unterhalten und habe die Seiten nur so verschlungen? Auf jeden Fall.

Inhaltlich muss ich sicherlich nicht viele Worte verlieren. Eine absolut unsympathische Protagonistin sieht sich der Welt ausgesetzt, die sie als Tradwife-Influencerin scheinbar herbeigerufen hat. Auf wechselnden Zeitebenen erfahren wir einerseits von ihrer Radikalisierung und bekommen andererseits die Härte einer antifeministischen Welt im 19. Jahrhundert zu spüren.

Dietlind Falk und Lisa Kögeböhn haben eine wirklich makellose Übersetzungsleistung erbracht. Besser hätte der schwarze und hochgradig bissige Humor dieses satirischen Werks gar nicht abgebildet werden können. Helen ist als Hauptfigur von Anfang an darauf angelegt, dass wir sie schrecklich finden. Ich fand das großartig, verstehe an der Stelle aber auch die Kritik, dass im weiteren Verlauf einfach kein Mitgefühl empfunden werden kann, wo es vielleicht von der Autorin beabsichtigt war. Nichtsdestotrotz ist „Yesteryear“ in der Reihe von Bücher mit fast ausschließlich furchtbaren Figuren für mich eines der besten.

Caro Claire Burke bindet viele Themen in ihr Buch ein und hat mich damit eingesaugt. Die Aspekte von Fundamentalismus, Nationalismus, Verschwörungserzählungen und Manosphere sind beklemmend realistisch dargestellt, ohne dass ich sie als übersteigert moralisierend empfunden habe. Helen ist trotz all meiner Antipathie eine rundum reizvolle Figur, die sich selbst eigentlich am besten täuschen kann, während ihr Mann Caleb himmelschreiend einfältig ist. Sicherlich sind beide dabei überspitzt gezeichnet, aber von Satire erwarte ich das auch.

Ich persönlich kam mit der Erzählstruktur gut zurecht und hatte eigentlich nie Probleme mit den inhaltlichen Längen, weil Burke einfach hochspannend schreiben kann. Gleichzeitig finde ich nicht, dass der Roman die feministische Schlagkraft besitzt, die die Grundidee hätte haben können. Einige Elemente wie das Benutzen von Kindern für den eigenen Social-Media-Auftritt oder die Dynamiken eines rechten Backlash fand ich pointiert herausgearbeitet. Der zugrundeliegende Ansatz von „Pass auf, was du dir wünschst“ verliert durch den Plottwist und das fiebrige Tempo am Ende aber etwas an Aussagekraft.

Meinen Kritikpunkten zum Trotz bewerte ich sehr gut, weil ich mich bis zum Schluss wunderbar unterhalten gefühlt habe. Vielleicht hilft es auch, den Roman als eine spannende Dystopie zu sehen, denn dann ist die Geschichte ein reizvoller Fiebertraum mit einigen gesellschaftskritischen Anklängen und ich freue mich jetzt schon auf die Verfilmung.

4,5 ⭐️