Der schöne Schein und sein Preis

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bua1705 Avatar

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„Yesteryear“ hat mich sofort gepackt – nicht nur wegen seines hochaktuellen Themas, sondern weil der Roman gnadenlos ehrlich zeigt, wie brüchig die perfekte Online-Fassade sein kann. Die Geschichte begleitet Natalie, die ihr Leben als Tradwife-Influencerin inszeniert: makellose Kinder, idyllische Farm, selbstgebackenes Brot. Millionen Menschen feiern sie dafür. Doch hinter der Kamera existiert ein völlig anderes Leben – eines, das von Nannys, Produzentinnen und migrantischen Arbeitskräften getragen wird, während Natalie selbst immer weiter den Bezug zu sich verliert.

Besonders stark fand ich, wie der Roman die Mechanismen von Social Media entlarvt. Die Autorin zeigt, wie sorgfältig kuratierte Perfektion entsteht und wie leicht sich ein ganzes Weltbild darauf aufbauen lässt. Gleichzeitig wirft sie einen kritischen Blick auf die Tradwife-Bewegung und die Sehnsucht nach klaren Rollenbildern, die oft mehr mit Ideologie als mit Realität zu tun haben.

Der Moment, in dem Natalie plötzlich in einer Art Pionierzeit aufwacht, hat mich völlig überrascht. Plötzlich muss sie das Leben führen, das sie online romantisiert – ohne Filter, ohne Helferinnen, ohne Ausweg. Dieser Bruch ist nicht nur spannend, sondern auch bitterkomisch und erschreckend zugleich. Die Kapitel, die zwischen Vergangenheit und Gegenwart wechseln, machen das Ganze noch intensiver und zeigen, wie Natalie überhaupt in diese Welt hineingeraten ist.

Ich mochte, dass die Protagonistin nicht darauf ausgelegt ist, sympathisch zu sein. Ihr Sarkasmus, ihre Widersprüche und ihre Selbsttäuschung machen sie aber unglaublich interessant. Der Roman lebt davon, dass man ihr gleichzeitig zuschaut, den Kopf schüttelt und trotzdem unbedingt wissen will, wie es weitergeht.

„Yesteryear“ ist für mich ein kluges, temporeiches und sehr zeitgemäßes Buch, das Humor, Gesellschaftskritik und Spannung mühelos verbindet. Es regt zum Nachdenken an, ohne belehrend zu wirken, und bleibt noch lange nach dem Lesen im Kopf. Ein echtes Highlight für alle, die sich für Social Media, Rollenbilder und moderne Erzählformen interessieren.