Die perfekte Illusion
Natalie Heller Mills lebt die perfekte amerikanische Familie, sie hat den perfekten Ehemann, die perfekten Kinder, das perfekte Haus in der perfekten Umgebung und sie teilt ihr perfektes Leben gern mit ihren Followern in den Sozialen Netzwerken. Viele Frauen lieben sie dafür, hängen vor den Bildschirmen, begierig darauf Neues aus Natalies perfektem Universum aufzusaugen, aber es gibt auch die Hater, die Neider, die "wütenden Weiber", wie Natalie all jene nennt, die ihre Pflichten als Ehefrau und Mutter eben nicht so ernst nehmen, jene, die ihren Kindern kein selbstgebackenes Sauerteigbrot auf den Frühstückstisch stellen, bei denen es Cola statt frischgepressten Bio-Orangensaft gibt, die, deren Kinder den Gefahren des staatlichen Schulsystems ausgesetzt sind und die ihren Kinder, gottbewahre, eine Familienform vorleben, die so gar nicht den guten alten amerikanischen Traditionen entspricht.
Was Autorin Caro Claire Burke hier zeichnet klingt tatsächlich wie ein Traum, ein Traum, den die Wenigsten von uns tatsächlich leben können und natürlich beneiden wir oft jene, die es geschafft haben sich diesen zu ermöglichen. Die Social Media Profile sind voll von Influencer*innen, die all dies mit uns teilen, die uns teilhaben lassen an ihrem Leben, denen wir dabei zusehen wie sie den perfekten Heiratsantrag bekommen, für den unser eigener Mann nicht romantisch genug ist, wie sie zum genau passenden Zeitpunkt schwanger werden, dabei von Tag zu Tag strahlend und schön in die Kamera lächeln und nicht, wie man selber, von Übelkeit und geschwollenen Beinen gequält werden, wie sie drei Wochen nach der Entbindung schon wieder in Size Zero passen und in ihrer wunderschönen Landhausküche das Weihnachtsessen vorbereiten, während das Neugeborene rosig und zufrieden in seiner Wiege schlummert. Ach, wie kann man den da nicht neidisch werden und natürlich auch etwas an sich selber zweifeln, sollte/müsste man all dies nicht auch schaffen? Ja, wenn ich vielleicht auch die tolle Pfanne verwende, die sie in ihrem letzten Video gezeigt hat, oder wenn ich die sündhaft teure Gesichtscreme verwende die sie empfohlen hat und natürlich, wenn ich das Kleidchen aus biozertifizierter, nachhaltig angebauter Baumwolle kaufe, in dem ihr Baby beim Neugeborenenshooting so süß aussah.
Ich denke jeder von uns weiß wovon ich hier rede und die meisten von uns sind nicht immer immun gegen die Verheißungen der bunten Social Media Welt. Die Meisten von uns wissen allerdings, dass das, was wir da auf dem Bildschirm sehen eben nicht die Realität ist, das es "Perfekt" eben nicht gibt und vor allem, dass das, was einige als "Perfekt" propagieren nicht erstrebenswert ist, sondern einen Rückschritt bedeutet. Das Buch treibt diese Thematik natürlich etwas auf die Spitze, zeigt aber dadurch auch sehr erschreckend wohin Fatalismus und Fanatismus führen können, wie gefährliche Ideologien unter dem Deckmantel von Traditionen und familiären Werten versteckt, Ängste ausgenutzt und geschürt werden. Neu ist diese Thematik so gar nicht, denn schon die Nationalsozialisten machten sich diese zu Nutze und auch heute gibt es wieder politische Gruppierungen, die in einer Rückbesinnung auf traditionelle Werte als Maß für die Gesundung der Nation sehen, in großem Umfang natürlich in den USA, durch die Regierung Trump, aber leider auch wieder hier in Deutschland, wo man eigentlich meinen sollte, man hätte aus der Geschichte gelernt.
Mich macht all dies unglaublich wütend. Wenn ich Natalies religiöse Verklärtheit miterlebe, ihre hartnäckige Ignoranz bestimmten Realitäten gegenüber, ihr starres Beharren, ihr Festhalten und ihr Leugnen, dann möchte ich diese Frau anschreien, sie schütteln und das obwohl ich sie zu Beginn des Buches durchaus mochte, sie für ihre Standhaftigkeit gegenüber den Verlockungen des Lebens, wie Alkohol und Drogen, sogar gefeiert habe. Der Wandel, den sie vollzieht, diese Veränderung in ihrem Wesen, der sie sich so offenen Auges und mit voller Absicht hingibt, ja regelrecht ergibt, den kann ich dann aber so gar nicht mehr gutheißen, fast hatte ich beim Lesen Angst, ihre Glaubenssätze könnten aus dem Buch heraus auf mich abfärben, ähnlich einer literarischen Gehirnwäsche. Die Autorin hat hier wirklich tolle Arbeit geleistet und mit Natalie eine Figur geschaffen, die unglaublich polarisiert, die nicht nett und sympatisch ist, aber einen trotzdem in ihren Bann zieht, sie hat eine Geschichte geschrieben, die wie Treibsand ist, die in trügerischer Idylle schwelgt und gleichzeitig zäh und klebrig an einem haftet und einen nicht wieder los lässt.
Yester Year ist ein unglaublich fesselndes Buch, sprachlich ein absolutes Highlight. Hier auch ein großes Lob an die Übersetzerinnen. Die Figuren, die Stimmungen, die Emotionen kommen dem Leser so nahe, wie es nur selten der Fall ist. In zwei Teilen, Vergangenheit und Gegenwart, wird Natalies Geschichte erzählt und diese Geschichte entwickelt sich so total anders, als der Leser es zuerst erwartet hat. Tatsächlich kann es passieren, dass man hier kurz etwas stutzt, nicht ganz weiß was das soll, aber hier kann ich nur darum bitten dem ganzen seinen Lauf zu lassen, sich einzulassen. Die Erklärung kommt und Nichts hat mich auf diese Erklärung vorbereitet, ich war absolut sprachlos, nicht nur darüber wie verblendet man sein kann. Für mich war das Buch definitiv ein Jahreshighlight, ich habe noch Tage danach darüber nachgedacht, habe immer wieder nach den richtigen Formulierungen für diese Rezension gesucht und diese auch immer wieder geändert, es gab so viele Punkte, die ich hier unbedingt ansprechen und verdeutlichen wollte und die ich wahrscheinlich nicht mal zur Hälfte letztlich hier untergebracht habe. Yester Year ist ein Buch das ich nur jedem ans Herz legen kann und über das ich so unglaublich gerne mit Anderen diskutieren würde. Bitte, bitte lesen.
Was Autorin Caro Claire Burke hier zeichnet klingt tatsächlich wie ein Traum, ein Traum, den die Wenigsten von uns tatsächlich leben können und natürlich beneiden wir oft jene, die es geschafft haben sich diesen zu ermöglichen. Die Social Media Profile sind voll von Influencer*innen, die all dies mit uns teilen, die uns teilhaben lassen an ihrem Leben, denen wir dabei zusehen wie sie den perfekten Heiratsantrag bekommen, für den unser eigener Mann nicht romantisch genug ist, wie sie zum genau passenden Zeitpunkt schwanger werden, dabei von Tag zu Tag strahlend und schön in die Kamera lächeln und nicht, wie man selber, von Übelkeit und geschwollenen Beinen gequält werden, wie sie drei Wochen nach der Entbindung schon wieder in Size Zero passen und in ihrer wunderschönen Landhausküche das Weihnachtsessen vorbereiten, während das Neugeborene rosig und zufrieden in seiner Wiege schlummert. Ach, wie kann man den da nicht neidisch werden und natürlich auch etwas an sich selber zweifeln, sollte/müsste man all dies nicht auch schaffen? Ja, wenn ich vielleicht auch die tolle Pfanne verwende, die sie in ihrem letzten Video gezeigt hat, oder wenn ich die sündhaft teure Gesichtscreme verwende die sie empfohlen hat und natürlich, wenn ich das Kleidchen aus biozertifizierter, nachhaltig angebauter Baumwolle kaufe, in dem ihr Baby beim Neugeborenenshooting so süß aussah.
Ich denke jeder von uns weiß wovon ich hier rede und die meisten von uns sind nicht immer immun gegen die Verheißungen der bunten Social Media Welt. Die Meisten von uns wissen allerdings, dass das, was wir da auf dem Bildschirm sehen eben nicht die Realität ist, das es "Perfekt" eben nicht gibt und vor allem, dass das, was einige als "Perfekt" propagieren nicht erstrebenswert ist, sondern einen Rückschritt bedeutet. Das Buch treibt diese Thematik natürlich etwas auf die Spitze, zeigt aber dadurch auch sehr erschreckend wohin Fatalismus und Fanatismus führen können, wie gefährliche Ideologien unter dem Deckmantel von Traditionen und familiären Werten versteckt, Ängste ausgenutzt und geschürt werden. Neu ist diese Thematik so gar nicht, denn schon die Nationalsozialisten machten sich diese zu Nutze und auch heute gibt es wieder politische Gruppierungen, die in einer Rückbesinnung auf traditionelle Werte als Maß für die Gesundung der Nation sehen, in großem Umfang natürlich in den USA, durch die Regierung Trump, aber leider auch wieder hier in Deutschland, wo man eigentlich meinen sollte, man hätte aus der Geschichte gelernt.
Mich macht all dies unglaublich wütend. Wenn ich Natalies religiöse Verklärtheit miterlebe, ihre hartnäckige Ignoranz bestimmten Realitäten gegenüber, ihr starres Beharren, ihr Festhalten und ihr Leugnen, dann möchte ich diese Frau anschreien, sie schütteln und das obwohl ich sie zu Beginn des Buches durchaus mochte, sie für ihre Standhaftigkeit gegenüber den Verlockungen des Lebens, wie Alkohol und Drogen, sogar gefeiert habe. Der Wandel, den sie vollzieht, diese Veränderung in ihrem Wesen, der sie sich so offenen Auges und mit voller Absicht hingibt, ja regelrecht ergibt, den kann ich dann aber so gar nicht mehr gutheißen, fast hatte ich beim Lesen Angst, ihre Glaubenssätze könnten aus dem Buch heraus auf mich abfärben, ähnlich einer literarischen Gehirnwäsche. Die Autorin hat hier wirklich tolle Arbeit geleistet und mit Natalie eine Figur geschaffen, die unglaublich polarisiert, die nicht nett und sympatisch ist, aber einen trotzdem in ihren Bann zieht, sie hat eine Geschichte geschrieben, die wie Treibsand ist, die in trügerischer Idylle schwelgt und gleichzeitig zäh und klebrig an einem haftet und einen nicht wieder los lässt.
Yester Year ist ein unglaublich fesselndes Buch, sprachlich ein absolutes Highlight. Hier auch ein großes Lob an die Übersetzerinnen. Die Figuren, die Stimmungen, die Emotionen kommen dem Leser so nahe, wie es nur selten der Fall ist. In zwei Teilen, Vergangenheit und Gegenwart, wird Natalies Geschichte erzählt und diese Geschichte entwickelt sich so total anders, als der Leser es zuerst erwartet hat. Tatsächlich kann es passieren, dass man hier kurz etwas stutzt, nicht ganz weiß was das soll, aber hier kann ich nur darum bitten dem ganzen seinen Lauf zu lassen, sich einzulassen. Die Erklärung kommt und Nichts hat mich auf diese Erklärung vorbereitet, ich war absolut sprachlos, nicht nur darüber wie verblendet man sein kann. Für mich war das Buch definitiv ein Jahreshighlight, ich habe noch Tage danach darüber nachgedacht, habe immer wieder nach den richtigen Formulierungen für diese Rezension gesucht und diese auch immer wieder geändert, es gab so viele Punkte, die ich hier unbedingt ansprechen und verdeutlichen wollte und die ich wahrscheinlich nicht mal zur Hälfte letztlich hier untergebracht habe. Yester Year ist ein Buch das ich nur jedem ans Herz legen kann und über das ich so unglaublich gerne mit Anderen diskutieren würde. Bitte, bitte lesen.