Dogmen und Dissonanzen

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
la calavera catrina Avatar

Von

«Ich heiße Natalie Heller Mills, und Perfektion ist mein größtes Talent.»

Natalie hält sich für intelligent, eine disziplinierte Bilderbuchchristin, geborene Mutter und liebende Ehefrau, dabei ist sie arrogant, starrsinnig, pessimistisch und antifeministisch — eine Tradwife, die ihre nur gedachten Beschimpfungen und wahren Gedanken vor der Außenwelt verbirgt — sich selbst belügt. Doch Natalie kann weniger verschleiern, als sie denkt: ihr Lächeln wirkt unnatürlich, ihr idyllisches Leben in den Bergen ist fake, und die neidischen „Wütenden Weiber“, die unter ihren Posts kommentieren, scheinen die Fassade nur einreißen zu wollen, ihr das Glück zu missgönnen.

Der Roman zeigt auf zwei Erzählebenen das gegenwärtige und vergangene Leben von Natalie aus der Ich-Perspektive. Autorin Caro Claire Burke präsentiert einen Ausschnitt aus dem Höhepunkt von Natalies Influencer-Dasein: große Bekanntheit, viel Geld, Angestellte, Homeschooling für die Kinder – bevor sie eine rätselhafte Gegenwart in der Pionierzeit offenbart: „eine durch die Mangel gedrehte Version meines Lebens“. Abwechselt erfährt man, wie die nie sonderlich gesellige Natalie ihr Studium begann, als ihr alle Wege offenstanden, wie sie Caleb kennenlernte, heiratete, Mutter wurde und sie die Yesteryear Ranch im Südwesten Idahos kauften.

Was Natalie wirklich denkt — über ihren Mann, ihre Kinder, ihr Leben — ist krankhaft gehässig, hochmütig und vergiftend. Ein starker Kontrast zu ihrer gläubigen Eigenwahrnehmung, während ihr religiöser Dogmatismus sie gefangen hält. Das spürt man auch beim Lesen deprimierend intensiv: diese permanente Unzufriedenheit, aufgesetzte Freundlichkeit und ihre abrackernde Selbsttäuschung und Einsamkeit. Auflösung und Ende fand ich stark, der Fokus rückte hier für mich an die richtige Stelle und deswegen haben mich die letzten Seiten berühren können, aber auch traurig werden lassen — genau das macht dieses Buch realistisch und eindringlich. Alles fügt sich zusammen und gibt viel Stoff zum Nachdenken. Es gibt Hoffnungsschimmer in dieser Geschichte, aber nicht ins Natalies Sichtfeld, wo jeder an Sympathie verliert. Für mich ist Natalie eine erschreckend extrem ambivalenten Hauptfigur, die gleichzeitig faszinierend und abstoßend wirkt. Man muss sie nicht mögen, aber man wird sie nicht mehr los. Vor allem ist dieser Roman großartig geschrieben, spannend inszeniert und ich konnte es kaum aus der Hand legen.
„Yesteryear“ ist ein Buch, das man unbedingt weiterempfehlen möchte. Es richtet sich an alle, die sich für psychologische Romane mit Tiefgang interessieren, in denen Innenleben und Außenwelt kollidieren, die komplexe, ambivalente Charaktere lieben und gesellschaftliche Rollenbilder hinterfragen. Satirisch setzt er sich mit hochaktuellen Themen wie Feminismus, Religion und Tradwifes auseinander.