Ein inszeniertes Traumleben implodiert

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brigitteb Avatar

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Natalie ist 32 Jahre jung und schwanger mit dem sechsten Kind. Sie führt ein Leben als Tradwife und lässt Millionen Follower teilhaben an ihrem traditionellen, gottesfürchtigen und naturverbundenen Familienleben auf der Farm. Mit perfektionistischem Einsatz schwärmt sie von ihrer harmonischen Ehe, zeigt das Zubereiten der Mahlzeiten (natürlich von Grund auf selbst) und berichtet von den Vorzügen des Homeschooling. Mühelos bringt sie alles unter einen Hut! Die Realität: moderne Küchengeräte sind verborgen und die Kinder müssen gekonnt posen für "spontane" Fotos vom Farmleben. Es werden rund um die Uhr zwei Nannys, diverse Farmarbeiter und eine Produzentin beschäftigt. Natalie stuft ihren Ehemann als Trottel ein und mit den Kindern will sie sich so wenig wie möglich abgeben, denn ihre Social Media Präsenz und der Onlineshop des Imperiums brauchen viel Zeit.

Eines Morgens wacht Natalie auf und findet sich in genau jener Realität wieder, die sie als Influencerin so idealisiert: Es ist plötzlich das Jahr 1855 und sie muss sich nebst der völligen Verwirrung über ihre Lage der Frage stellen, wie sie klarkommen soll in der guten, alten Pionierzeit. Eins ist klar: Das mit dem Sauerteig beherrscht sie nicht so perfekt wie die Influencerin Natalie, die das Brot zum Filmen vom Supermarkt holte.

Dieser Roman ist grandios! Er nimmt gnadenlos die toxischen und manipulativen Auswirkungen von Social Media auseinander. All die inszenierten Scheinrealiäten, in denen Kritik mit vorbereiteten Antworten und strahlendem Zahnpastalächeln pariert werden. Dazu beschäftigt er sich intensiv mit der Feminismus-Thematik. Aber vor allem zeigt das Buch die Chronik des stufenweisen Abstiegs einer Hauptfigur, die immer mehr an Authentizität verliert, bis die Grenzen zwischen Online- und Offline-Person verwischen. Der Preis, den sie dafür bezahlen muss, ist hoch und hat mich sehr erschüttert. Denn ich gebe zu, dass ich die Protagonistin anfangs eigentlich hassen wollte. Am Ende muss ich eingestehen, dass mir das nicht gelungen ist.