Gefangen im eigenen Narrativ

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juliareads Avatar

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Natalie Heller Mills präsentiert sich auf ihrem Online-Profil „Yesteryear Ranch“ als Inbegriff der perfekten Frau: gläubige Christin, hingebungsvolle Ehefrau, fürsorgliche Mutter und erfolgreiche Unternehmerin. Ihr Leben auf der Farm wirkt mühelos, beinahe idyllisch inszeniert. Als „Online-Natalie“, wie sie sich selbst nennt, gewinnt sie stetig an Reichweite und damit sowohl Bewunderung als auch Kritik. Was ihre Follower jedoch nicht sehen: Hinter dieser Fassade stehen zahlreiche helfende Hände, die diesen Lebensstil überhaupt erst möglich machen.

Dann kommt der radikale Bruch. Ohne Vorwarnung findet sich Natalie im Jahr 1805 wieder, in einer Welt ohne moderne Annehmlichkeiten, dafür eingebettet in eine Familie, die ihr gleichzeitig fremd und unheimlich vertraut erscheint. Sie verliert die Kontrolle über ihr Leben, ist gefangen – körperlich, emotional und sozial.

Allerdings hatte ich das Gefühl, dass sich die Handlung etwa ab der Hälfte des Buches etwas zieht. Einige Passagen wirkten länger als nötig und haben für mich das Tempo spürbar verlangsamt.

Natalie selbst war für mich eine schwierige Protagonistin. Sie ist innerlich voller Selbstzweifel, wirkt nach außen aber kontrolliert und fast schon überheblich. Besonders ihre Rolle als Mutter konnte ich emotional kaum nachvollziehen, und auch ihr Umgang mit anderen Figuren hat es mir nicht leicht gemacht, eine Verbindung zu ihr aufzubauen. Ehrlich gesagt ging es mir mit den meisten Charakteren ähnlich – sie blieben für mich schwer greifbar und wenig sympathisch.

Was mir dafür wirklich gut gefallen hat, war die Art, wie das Buch aktuelle Themen aufgreift: Geschlechterrollen, Social Media, Tradwives, Manosphere und der Umgang mit Kindern im Internet. Das alles wurde sehr fließend in die Handlung eingebaut, ohne sich überladen anzufühlen.

Ein ungewöhnlicher, provokanter Roman, der sicher nicht jedem gefallen wird. Stellenweise ein bitter-satirischer Blick auf Selbstinszenierung, gesellschaftliche Erwartungen und die Sehnsucht nach Kontrolle und Anerkennung. Gleichzeitig hatte ich jedoch oft das Gefühl, dass der Roman nicht ganz klar weiß, worauf er hinauswill. Für mich war es eher eine Mischung aus Faszination und Distanz. Eine gute Idee, aber für mich jedoch nicht ganz so überzeugend.

Trotzdem bin ich sehr gespannt auf die geplante Verfilmung, da ich mir vorstellen kann, dass die Geschichte visuell deutlich stärker wirkt als im Roman.