Perfektion mit Rissen

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mimi81 Avatar

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Mit Yesteryear gelingt ein gesellschaftskritischer Roman, der durch seine aktuelle und spannende Thematik sofort fesselt. Besonders beeindruckend ist die Art, wie das Buch die Tradwife-Bewegung analysiert, kritisch hinterfragt und verdeutlicht, wie trügerisch die perfekte Online-Welt sein kann. Nicht alles ist so, wie es durch die Social-Media-Brille erscheint – genau das macht die Geschichte so erschreckend aktuell.

Die Protagonistin Nathalie verkörpert das propagierte traditionelle Rollenbild zunächst nahezu perfekt. Doch je weiter die Handlung voranschreitet, desto stärker bröckelt die Fassade. Nathalie entwickelt sich enorm: von einer zunächst sympathisch wirkenden Frau hin zu einem extrem verzerrten Selbstbild und beinahe paranoidem Verfolgungswahn. Gerade diese psychologische Tiefe macht sie als Figur unglaublich faszinierend, auch wenn manche Charakterzüge und Szenen stellenweise etwas überzogen wirken. Besonders ihre widersprüchliche Haltung gegenüber ihrem Mann sowie ihre mangelnde Erziehungskompetenz sorgen immer wieder für Irritation.

Sehr gelungen fand ich außerdem die verschiedenen Zeitstränge zwischen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. Vor allem der Handlungsstrang der Pionierzeit ließ mich anfangs ratlos zurück, entwickelte aber gerade dadurch einen enormen Sog. Die zahlreichen Plot Twists und Zeitsprünge machen das Buch außergewöhnlich spannend. Hinzu kommt der bildhafte Schreibstil, der die düstere Atmosphäre und die Abgeschiedenheit perfekt transportiert.

Insgesamt ist Yesteryear ein intensives, nachhallendes Werk, das zum Nachdenken anregt – insbesondere für Leserinnen und Leser, die sich kritisch mit traditionellen Rollenbildern auseinandersetzen möchten. Gleichzeitig eignet sich das Buch hervorragend für Lesekreise, da es viel Diskussionspotenzial bietet.

Trotz kleiner Schwächen und teilweise überzogener Szenen vergebe ich starke 4,5 von 5 Sternen.