Als wäre man auf einem Trip

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amirasbibliothek Avatar

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Zugegeben: Ich war wie berauscht durch diese Leseerfahrung und hätte mich am liebsten in eine Kammer eingesperrt um ja nicht gestört zu werden. Durch Mein Leben hat sich das Ganze aber gezogen und im Nachhinein bin ich echt dankbar dafür. Denn so hat der Leseprozess echt etwas mit mir gemacht und hätte intensiver nicht sein können.
Für Menschen wie mich, die gerne über die Vergangenheit, getroffene Entscheidungen und alternative Lebensentwürfe nachdenken, dürfte dieses Buch genau das Richtige sein. Und Fans von Zeitreisen kommen hier auch auf ihre Kosten, wenn auch nicht im traditionellen Stil. Dies hier hat viel mehr Klasse und ich habe richtig mitfiebern müssen. Zeitweise war es sogar so spannend und entscheidend für den weiteren Verlauf, dass ich mich kaum getraut habe, das Buch wieder zu öffnen.
Auch wenn die Message sich schon sehr früh abzeichnet, war es doch sehr heilsam für jeden, der eine ernste Beziehung führt und vielleicht sogar verheiratet ist, den weiten Weg der knapp 400 Seiten zusammen mit Adam und Jules zu gehen und sich daran zu erinnern, wie wertvoll das ist, was man bereits hat, auch wenn man es sich perfekter vorstellen könnte. Es hat einfach Spaß gemacht, in die verschiedenen Versionen einzutauchen und zu erkennen, dass sich das Leben verschlimmbessert hat, auch wenn es objektiv erstrebenswerter erscheinen mag.
Jules und Adam sind unheimlich sympathische Charaktere und der Wechsel zwischen ihren Perspektiven hat der Geschichte einen filmreifen Flow verliehen, genauso wie Brighton als Kulisse (jeder, der schon einmal da war, wird automatisch Bilder im Kopf haben) und das Highlight in meinen Augen: Die zahlreichen Songverweise und die verlinkte Playlist zu Spotify. Wirklich, auch wenn es gerade angesagt ist, Bücher mit vorgeschlagenen Playlists zu vermarkten, so stimmig und in die Geschichte integriert habe ich es noch nie erfahren. Der einzige Kritikpunkt ist, dass die Playlist nicht chronologisch angelegt ist, aber das hat nichts mit dem Buch selbst zu tun.

Es ist, als wäre ich mit der ersten Seite selbst ins Multiversum abgetaucht und mit Jules und Adam nicht nur in ihre, sondern auch in meine eigene Vergangenheit eingetaucht und nun wieder in meiner eigenen Realität, aber mit dem zusätzlichen Wissen, dass es gut ist, wie es ist. Auf wohltuende Weise hat mich das Leseerlebnis daran erinnert, wertzuschätzen, was ich habe und ich finde, dass es kaum eine schönere Funktion von Literatur gibt.