Ein Viertel vor dem Ende der Welt

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gretchensfragen Avatar

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Der Titel Zeit der Monster hat mich sofort eingenommen, und nachdem ich bereits vor einiger Zeit durch Fatma Aydemir auf den Roman aufmerksam geworden bin, war ich sehr gespannt auf die Leseprobe. Schon nach wenigen Seiten entsteht ein starker Sog: Man möchte weiterlesen, um zu verstehen, was hier eigentlich passiert, was sich hinter den Andeutungen verbirgt und worauf alles hinausläuft.

Besonders einnehmend fand ich die Protagonistin Sanya. Ihre Erscheinung mit dem "kinnlange und frechen" (S.12) roten Bob und ihre Beschreibung als verletzlich und feenhaft zeichnen sofort ein lebendiges Bild. Dass sie „auf gute Nachrichten hoffte und doch immer mit dem Schlimmsten rechnete“ (S.5), macht sie für mich unmittelbar greifbar. Etwas lastet auf ihr, so trägt sie unter anderem eine Pistole im Rucksack mit sich und denkt mehrmals an Nabû, der anscheinend verschwunden ist. All das erzeugt eine Spannung, die mich sofort gepackt hat.

Überhaupt ist die Atmosphäre des Romans ausgesprochen unheilschwanger. Die Hitze, die Gerüchte über einen drohenden Weltuntergang, die Menschen, die Zuflucht in der Kirche suchen oder plötzlich wie besessen trainieren - all das vermittelt das Gefühl, dass etwas Bedrohliches in der Luft liegt. Die Erzählung vermittelt diese Anspannung sehr eindringlich und erzeugt dadurch einen starken Sog.

Besonders neugierig macht mich auch das mysteriöse Wesen, das Sanya begegnet. Die unterschiedlichen Beschreibungen durch externe Beobachter, mal augenscheinlich als eine Frauengestalt, mal nur „das da“ (S.19), machen diese Erscheinung schwer greifbar. Was hat es damit wohl auf sich?

Beeindruckt hat mich außerdem die Figurenzeichnung. Schon mit wenigen Details entstehen sehr plastische Charaktere: Köbes im „schweißstarren Poloshirt“ (S.6), Pfarrer Angelo mit seinen italienischen Einwürfen und seiner spürbaren Ungeduld gegenüber den Schutzsuchenden oder Mira, die zwischen Muskelpalast McBurn, Geschäftssinn und unerfüllter Sehnsucht nach einem anderen Leben gezeigt wird.
Der Brief an die Kanzlerin am Ende der Leseprobe, ungeduldig, verzweifelt, fast trotzig. Der Satz „Kriegst du überhaupt mit, was in der Welt passiert?“ (S.27) bleibt hängen und passt sehr gut zur Grundstimmung des Romans: dem Gefühl, in einer aus den Fugen geratenen Welt zu leben und nach Beistand, vielleicht einer Eklärung und nach Hoffnung zu suchen.

Auch formal fand ich die Leseprobe spannend. Die Gestaltung mit kleinen Absätzen am linken und rechten Rand, als Sanya dem Wesen begegnet, hat mich neugierig gemacht und ich bin gespannt, ob und wie dieses Stilmittel im weiteren Verlauf eingesetzt wird.
Ich bin sehr schnell in den Lesefluss gekommen und möchte unbedingt weiterlesen, um mehr darüber zu erfahren, wie Sanya, das geheimnisvolle Wesen, die unterschiedlichen Figuren und dieses Viertel, in dem das Ende der Welt bevorzustehen scheint, zusammenhängen.