Herausfordernd
Auf Şeyda Kurts ersten Roman müsst ihr euch einlassen. "Zeit der Monster" fordert gleich mehrfach heraus: durch das große Figureninventar, das Einflechten von Lyrik in die Prosa, das Schwanken zwischen Dystopie und Utopie, die vielen Bezüge, die von Aramäisch über Syrischem Reich, Industriegeschichte,, Giftgasproduktion, verschiedenen Weltreligionen. Literatur und Politik umfassen. Es ist so ein Buch, bei dem ich das Gefühl hatte, nur die Hälfte verstanden zu haben, weil selbst bei den Assoziationen, die ich entdeckt habe, glaube, dass ich das mehr dazu lesen müsste.
Das fängt schon beim Titel an, der auf ein Zitat von Antonio Gramsci verweist, der diese Zeit nicht einfach so festhält, sondern durchaus einen Weg daraus hinausweist:
«Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren. Es ist die Zeit der Monster.»
Dieses Heilsversprechen auf eine Welt findet sich auch immer wieder im Text, aber lässt sich leichter entdecken, wenn man das Gramsci Zitat (er)kennt. Die Lektüre stellt daher auch ein intellektuelles Vergnügen dar, was lässt sich hier finden und deuten. Und Kurt gibt ja auch zahlreiche Hinweise, erklärt gerade auch historische Zusammenhänge so stimmig und poetisch, dass es eine Freude ist.
«Noch so eine große Frage, diesmal zu groß, um sie zu begreifen. Die Antworten schienen immer den Fragen hinterherzueilen, unerreichbar. Was wäre, wenn? Was wäre ...? Was wäre, wenn man einen Menschen doch retten könnte? Dunkel spürte sie, dass es gelingen konnte. Dass diese verlorene Gestalt dort vorne aus dem Gemeinschaftsgarten doch vielleicht ein Mensch war, der zu retten war.»
Die Welt, die hier im Sterben liegt, ist unsere, vielleicht in nur noch wenigen Jahren. Kurt schildert einen "Sumpf" und seine Menschen, beide abgehängt, vergessen. Alle müssen sich hier durchschlagen und warten alle auf Befreiung, Erlösung und glauben doch nicht mehr so richtig daran. Falsche Prophet*innen, echte oder falsche Prophezeiungen, wer weiß das schon so genau? Der Roman kreist so auch immer um ganz aktuelle Themen wie Populismus, das Scheitern von Sozialpolitik, das Imstichlassen von Kommunen, die Marginalisierung und Diskriminierung von Menschen mit Migrationsgeschichte, von Frauen, Queers und Menschen mit Behinderung. Kurt gibt genau diesen Marginalisierten viele kleine und große Geschichten voll sperriger Schönheit.
Das ist nicht geradlinig und folgt doch einer Struktur mit herber Schönheit. Sieben Tage, wie der Schöpfungsmythos. Immer wieder eine Ich-Erzählerin, die uns nicht wirklich an die Hand, aber Hintergrundinfos gibt, die oft viel später ihre Wirkung entfalten.
Dieser Sumpf ist von Perlen, Edelsteinen und Silberbechern durchsetzt, wie dieser hier:
«Manchmal mehrstöckige Betonskelette, von denen ich nie weiß, ob sie Ruinen sind oder neue Hochhäuser im Werden. Vielleicht sind sie beides zugleich.»
"Zeit der Monster" ist herausfordernd, aber lohnend, und lädt definitiv zum Wiederlesen ein. Ich empfehle das Buch, aber nur, wenn ihr bereit seid euch darauf einzulassen. Gefällig oder leicht ist hier nichts.
Das fängt schon beim Titel an, der auf ein Zitat von Antonio Gramsci verweist, der diese Zeit nicht einfach so festhält, sondern durchaus einen Weg daraus hinausweist:
«Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren. Es ist die Zeit der Monster.»
Dieses Heilsversprechen auf eine Welt findet sich auch immer wieder im Text, aber lässt sich leichter entdecken, wenn man das Gramsci Zitat (er)kennt. Die Lektüre stellt daher auch ein intellektuelles Vergnügen dar, was lässt sich hier finden und deuten. Und Kurt gibt ja auch zahlreiche Hinweise, erklärt gerade auch historische Zusammenhänge so stimmig und poetisch, dass es eine Freude ist.
«Noch so eine große Frage, diesmal zu groß, um sie zu begreifen. Die Antworten schienen immer den Fragen hinterherzueilen, unerreichbar. Was wäre, wenn? Was wäre ...? Was wäre, wenn man einen Menschen doch retten könnte? Dunkel spürte sie, dass es gelingen konnte. Dass diese verlorene Gestalt dort vorne aus dem Gemeinschaftsgarten doch vielleicht ein Mensch war, der zu retten war.»
Die Welt, die hier im Sterben liegt, ist unsere, vielleicht in nur noch wenigen Jahren. Kurt schildert einen "Sumpf" und seine Menschen, beide abgehängt, vergessen. Alle müssen sich hier durchschlagen und warten alle auf Befreiung, Erlösung und glauben doch nicht mehr so richtig daran. Falsche Prophet*innen, echte oder falsche Prophezeiungen, wer weiß das schon so genau? Der Roman kreist so auch immer um ganz aktuelle Themen wie Populismus, das Scheitern von Sozialpolitik, das Imstichlassen von Kommunen, die Marginalisierung und Diskriminierung von Menschen mit Migrationsgeschichte, von Frauen, Queers und Menschen mit Behinderung. Kurt gibt genau diesen Marginalisierten viele kleine und große Geschichten voll sperriger Schönheit.
Das ist nicht geradlinig und folgt doch einer Struktur mit herber Schönheit. Sieben Tage, wie der Schöpfungsmythos. Immer wieder eine Ich-Erzählerin, die uns nicht wirklich an die Hand, aber Hintergrundinfos gibt, die oft viel später ihre Wirkung entfalten.
Dieser Sumpf ist von Perlen, Edelsteinen und Silberbechern durchsetzt, wie dieser hier:
«Manchmal mehrstöckige Betonskelette, von denen ich nie weiß, ob sie Ruinen sind oder neue Hochhäuser im Werden. Vielleicht sind sie beides zugleich.»
"Zeit der Monster" ist herausfordernd, aber lohnend, und lädt definitiv zum Wiederlesen ein. Ich empfehle das Buch, aber nur, wenn ihr bereit seid euch darauf einzulassen. Gefällig oder leicht ist hier nichts.