Ungewohnt

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missmarie Avatar

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"Während Sümpfe für Mohnblumen eigentlich zu feucht sind, zu sauer, hat in unserem Viertel wie durch ein Wunder ein besonderes Exemplar überlegt: Sanya."

Ein Viertel, vielleicht in Köln, vielleicht anderswo in einer europäischen Industriestadt. Es ist abgeschrieben von der Politik, als Sumpf abgestempelt. Geld fließen nicht mehr und die Menschen sind sich selbst überlassen. An so einem Ort spielt die Geschichte in "Zeit der Monster", in der Sanya eine große Rolle spielt. Ob diese Zeit der Monster die Gegenwart oder eine nahe Zukunft ist, bleibt offen. Doch ein Bild hat man schnell vor Augen: Ein Ort, an dem sich Trinker, Fitnessfreaks, selbst ernannte Brigadisten und Menschen, die es von einem anderen Ort der Welt ins Viertel gespült hat, treffen.

In weiten Teilen erzählt Kurt in ihrem Roman davon, wie Menschen versuchen, trotzdem weiterzumachen. Wie sie gegen Jahrhunderte alte Strukturen ankämpfen - und letztendlich daran scheitern. Da gibt es jene, die kostenlose medizinische Hilfe anbieten, aber ihre Rezepte kann man nirgendwo einlösen. Andere versuchen mit erfundenen Prophezeiungen die Revolution hervorzurufen, während wieder andere in ihrem Glauben verharren. Da werden Bilder von Parteiführern versteckt, während sich Jungs am Schießstadt wärmen.

Bis zu einem gewissen Punkt verstehe ich Şeyda Kurts Roman. Die Textstellen, die eine Art neue sozialen Frage in Bezug auf vergessene Viertel stellen, habe ich gerne gelesen. In der Kritik an der (kommunalen) Politik steckt viel Wahrheit und eine noch bessere Beobachtungsgabe. Hinzu kommen Figuren, die weit weg von Vorurteilen und Klischees handeln und ein ganz selbstverständlicher Umgang mit gleichgeschlechtlicher Liebe. Besonders spannend sind auch die historischen Rückblicke, die bekannte europäische Geschichte mit Kolonialismus im heutigen türkisch-kurdisch-iranischem Gebiet verbinden.

Herausfordernder ist hingegen die fast schon magisch-realistische Sprache der Erzählerin. Die Figuren, die sich zum Teil nicht ganz greifen lassen. Die Frage: Sind das überhaupt Menschen oder Götter oder Monster? Einige Figuren fungieren eher wie Allegorien, Wiederholungen als Stilmittel machen sie zwar erkennbar, aber noch lange nicht verständlich. Für mich bleiben daher nach dem Lesen viele, viele Fragezeichen. Ob ich den Roman wirklich verstanden haben oder nur ein Puzzleteil begriffen habe? Das vermag ich gar nicht zu sagen.

"Zeit der Monster" ist kein Buch, dass man mal eben nebenbei lesen kann. Man muss sich darauf einlassen und sich selbst einen Weg durch den Sumpf bahnen. Das ist manchmal auch anstrengend. Trotzdem entwickelt Kurts Erzählung einen Sog, dem man nicht entkommen kann. Irgendetwas ist da mit dem Thema, mit den Figuren, mit dem Setting, das zum Weiterlesen animiert.