Im Zugwind der Gegenwart: Eine literarische Annäherung

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Schon die Leseprobe von Zugwind macht deutlich, dass Iryna Fingerova einen Roman vorlegt, der Gegenwart nicht erzählt, sondern erfahrbar macht. Im Mittelpunkt steht Mira Zehmann, Hausärztin, Mutter und Ehefrau, deren Leben in Deutschland durch den Krieg in der Ukraine aus dem inneren Gleichgewicht gerät. Der Text setzt weniger auf eine lineare Handlung als auf atmosphärische Beobachtungen, innere Monologe und präzise Alltagsdetails, die die Leserin unmittelbar in Miras zerrissene Wahrnehmung hineinziehen.
Besonders eindrucksvoll ist die Spannung zwischen äußerer Normalität und innerem Ausnahmezustand. Praxisalltag, Familienroutine und scheinbar banale Gegenstände stehen unvermittelt neben Schuldgefühlen, Ohnmacht und der emotionalen Nähe zum Kriegsgeschehen in Odesa. Der titelgebende „Zugwind“ erscheint bereits in der Leseprobe als starkes metaphorisches Motiv, das für das Eindringen der Geschichte in das Private steht. Stilistisch überzeugt der Text durch eine bewegliche, teils ironische, teils hochgradig verletzliche Erzählerstimme, die Kontrolle und Kontrollverlust zugleich reflektiert.
Die fragmentarische Erzählweise mit Rückblenden und Gedankensplittern verstärkt das Gefühl des Dazwischenseins, das viele Figuren – Patient*innen wie Protagonistin – verbindet. Die Leseprobe deutet an, dass Zugwind weniger Antworten geben als Zustände sichtbar machen will: das Leben im permanenten Übergang, zwischen Verantwortung, Erinnerung und der Unmöglichkeit, sich emotional zu entziehen. Gerade diese Offenheit und sprachliche Intensität machen neugierig auf den weiteren Verlauf des Romans. Ich würde sehr gern weiterlesen, um zu erfahren, wie Fingerova diese vielversprechenden Motive weiterentwickelt und welche literarischen Räume sich daraus entfalten.