Ein ganz außergewöhnliches, berührend poetisches Werk.

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aerdna Avatar

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Es ist nicht Lyrik, und doch...ein Roman gemalt mit Poesie. Es fehlt nicht viel, dass Iryna Fingerova Malerin wäre, nicht Schreiberin.
Mit Worten malt sie Gemälde auf die Seiten, ganze Bilderwelten zwischen die Zeilen.
Zugwind ist ein außergewöhnliches Buch; und das in vielerlei Hinsicht.
Es gibt extrem viele sehr gute Bücher. Unter diesen noch eine ganze Menge außergewöhnliche. Und unter diesen außergewöhnlichen noch eine gute Handvoll mit ähnlichen Themen, wie Zugwind.
Doch eine Autorin wie Iryna Fingerova habe ich noch nie gelesen.
Es ist schwer zu worten, mit welcher Energie, welchem tiefsten Verständnis für menschliche Regungen und Erlebniswelten, mit welcher emotionalen Offenheit sie schreibt.
Ich möchte inhaltlich gar nicht so viel über das Buch sagen; ich bin zunehmend erstaunt, wie viel mittlerweile in Rezensionen vorweg genommen wird - explizit nicht Buchbesprechungen, bei denen man erwartbar etliches über die Handlung erfahren muss.
Ich will selbst lesen; mich interessieren Eindrücke, Stimmungen, was sich beim Lesen im Rezensenten geöffnet hat.
Diese Autorin hält uns einen Spiegel vor, lässt uns sehen, was wir verlernt haben, in uns zu erkennen. Und auch in anderen. Und sie zeigt uns, was wir verloren haben und wiederfinden können. Ich habe den Schmerz jeder Figur mitgefühlt, doch in jedem Schmerz liegen hier auch eine subtile Leichtigkeit, die der Schwere Gegengewicht hält und eine, mal leise, mal laut, flirrende Hoffnung und Zuversicht.
Es ist einfach eine wunderschöne, bewegende, tief berührende Leseerfahrung; eine Geschichte, mit deren Charakteren man verschmilzt, in ihr versinkt und an deren Ende man ein Stück bewusster und achtsamer wieder auftaucht. Und vielleicht ist sie gar nicht zu Ende, sondern wirkt in einem fort.
Es geht um Identität, um Heimat, um Neuordnung, um Verlust und Trauer, aber auch um einen unerschütterlichen Glauben an Lebensfreude und das, was im Kern Bestand hat. Das vielleicht verschüttet wird, übertost und auf den Kopf gestellt, das manchmal einer Neuverortung bedarf, am Ende aber nie verloren geht.
Dieses Buch lädt ein, zu verweilen und immer wieder einmal in eine innere Standortbestimmung zu gehen. Es zieht ein - und bleibt.