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Mit Zugwind legt Iryna Fingerova einen ebenso leisen wie erschütternden Roman vor, der lange nachhallt. Es ist kein lautes Buch über Krieg – und gerade deshalb trifft es mitten ins Herz.

Im Zentrum steht Mira Zehmann, Hausärztin in Deutschland, Ehefrau und Mutter, die einst ihre Heimat Odesa verließ, um sich ein neues Leben aufzubauen. Doch als in der Ukraine die Bomben fallen, zerreißt es nicht nur Städte, sondern auch Miras sorgfältig austariertes Dasein. Der „Zugwind“ weht durch ihre Praxis, ihre Ehe, ihre Mutterschaft – und durch ihre Seele. Fingerova gelingt es eindrucksvoll, diesen unsichtbaren, kalten Luftzug spürbar zu machen: als Metapher für Entwurzelung, Schuldgefühle und das Gefühl, zwischen zwei Welten festzustecken.

Besonders berührend ist die Darstellung der Arztpraxis als emotionaler Mikrokosmos. Die wartenden ukrainischen Patientinnen und Patienten bringen nicht nur ihre körperlichen Beschwerden mit, sondern auch Angst, Trauer und Heimweh. Mira wird zur Projektionsfläche, zur Brücke zwischen hier und dort – und verliert dabei zunehmend den Halt. Die Autorin schildert diese Überforderung mit großer Sensibilität und psychologischer Tiefe.

Auch die persönlichen Konflikte – die angespannte Ehe, der endlose Besuch der Schwiegermutter, die Versuchung einer Affäre – wirken nie konstruiert, sondern zutiefst menschlich. Fingerova urteilt nicht über ihre Figur. Sie zeigt eine Frau, die stark sein muss, obwohl sie selbst Halt sucht. Eine Frau, die funktionieren soll, während in ihr alles zerbricht.

Sprachlich ist Zugwind klar und eindringlich. Keine pathetischen Überhöhungen, sondern präzise Beobachtungen, stille Momente, ehrliche Emotionen. Gerade in den Szenen, in denen Mira über eine Reise zurück nach Odesa nachdenkt – zur über neunzigjährigen Großmutter, ans Meer, zu alten Freunden –, entfaltet der Roman eine sehnsuchtsvolle Intensität, die tief bewegt.

Zugwind ist ein Buch über Migration, Identität und die Frage, wo Heimat beginnt und endet. Es erzählt vom Krieg, ohne Schlachtfelder zu zeigen, und von Liebe, ohne einfache Antworten zu geben. Vor allem aber ist es ein Roman über das Aushalten – und über die leise Hoffnung, trotz allem inneren Frieden zu finden.

Ein aktuelles, wichtiges und zutiefst menschliches Buch.