tiefbewegt zurück gelassen

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Zugwind von Iryna Fingerova hat mich tiefbewegt zurück gelassen. Ich habe selten etwas so mutiges, offenes und persönliches Buch gelesen. Ja, auch ich habe diesen beschriebenen Zugwind schon einmal gespürt. Aber im Zusammenhang mit einem brutalen, verabscheuungswürdigen und menschenverachtenden Angriffskrieges hätte ich dieses Gefühl nicht in Verbindung gebracht. Das Buch ist besonders wertvoll, weil es trotz alldem nicht wertet. Es ist der Blick einer jungen jüdisch-ukrainischen Hausärztin in Deutschland, deren Erfahrungen mit den vor dem Angriffskrieges geflüchteten, verletzten und heimatlosen ukrainischer Menschen. Menschen die sich nach ihrem Leben und Zuhause sehnen und mit dem Gefühl der Verlorenheit kämpfen.

Die Protagonistin Mira Zehmann ist ein mutiger Charakter. Vor dem Angriffskrieg Russlands nach Deutschland ausgewandert hat sie eine Stelle als Hausärztin in einer Gemeinschaftspraxis. Dort wird sie zum Ansprechpartnerin für geflüchtete Ukrainern und Ukrainerinnen mit all ihren Sorgen, Problemen und Verletzungen.
Sie organisiert Hilfsgüterlieferungen in die Heimat und eigentlich könnte sie glücklich und zufrieden sein. Doch immer häufiger spürt sie diesen Zugwind in ihrem Leben. Diesen Ruf der Heimat, den Ruf nach Familie und den Ruf nach Freiheit. Dem Zugwind der Hoffnung und Trost! Ja, er ist unerbittlich stark aber auch mutig und befreiend. Besonders weil jüdisch-ukrainische Menschen doppelt leiden müssen. Es ist nicht nur der Angriffskrieg sondern auch das verabscheuungswürdige Massaker in Israel traumatisiert!

Die mutigen und für Mira befreiende Besuche in Odesa ist ein sehr bewegender Punkt in ihrer Geschichte. Die Besuche geben ihr all die Kraft die sie braucht um selbst wieder leben und fühlen zu können. Lebendige Erinnerungen bei den Besuchen der Großmutter und des Bruders in Odesa, einfach nur alte Freunde treffen und das Sein spüren.

In Zugwind von Iryna Fingerova gibt es eine Stelle, die mich unendlich beeindruckt hat. Während eines Urlaubes mit ihrem Mann und ihrer Tochter griff Mira auf russische Urlauber. Deren Sorge sich einzig und allein darum dreht in Russland nicht mehr all die ‚geliebten‘ Luxusgüter aufgrund von den Sanktionen betroffene kaufen zu können. Die Missachtung dieses Jammerns Miras ist einfach nur aller Achtung wert.

Zugwind von Iryna Fingerova bescherte mir eine wunderbare und herzliche Begegnung mit einer vor dem Krieg geflüchteten Familie. Wir kamen ins Gespräch über das Buch, meine Bewegtheit und der offenen Frage, Warum reist man mit dem Wissen getötet werden zu können. Die Erklärung so simpel wie auch erschreckend. Dort ist mein Leben! Als ich dann erfuhr wie gern dieses Buch gelesen wird und der Wunsch es in der Heimatsprache zu lesen, spürte ich genau diesen beschriebenen Zugwind. Lebendiger und Stärker denn je.