Wenn der Zug Wind wirkt...
Bei der Lektüre von Zugwind von Iryna Fingerova habe ich mich aufgrund des ungewöhnlichen Schreibstils anfangs immer wieder gefragt, ob es dem Zugwind gelingt, mich in der Geschichte zu halten... ... und tatsächlich: Das Thema und die Perspektive der Protagonistin haben mich sofort interessiert. Gleichzeitig war mir der Erzählstil zunächst etwas zu direkt, zu berichthaft. Es gibt Passagen, die weniger erzählen als berichten, fast protokollierend wirken. Auf der Metaebene entfaltet genau das aber meiner Meinung nach einen eigenen Reiz. Der gefühlte stilistische Bruch schafft Distanz beim Lesen – und gerade für die Themen des Romans, Fragen von Herkunft, Zugehörigkeit und Identität, kann diese Distanz sehr produktiv sein. Der Text zwingt nicht zur emotionalen Vereinnahmung, sondern lässt Raum zum Mitdenken. Man liest also nicht unbedingt eine Geschichte zum schnellen Weglesen. "Zugwind" ist eher ein Roman, der sich langsam entfaltet und der seine Wirkung gerade aus den Zwischenräumen bezieht. Ich habe mich deshalb gern auf diese Offenheit eingelassen – auch, weil das Cover sofort Neugier weckt und Interpretationsspielraum lässt. Mein Gesamteindruck: ein literarisch interessanter Roman, der vielleicht nicht leicht zugänglich ist, aber gerade dadurch nachhaltig beeindruckt. Ein Buch, das weniger durch Spannung als durch Nachhall wirkt.