Nicht die Einzige

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caro_phie Avatar

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Bin ich die Einzige, die noch Binden benutzt, weil Tampons so weh tun? Bin ich die Einzige, die nicht weiß, wie der Kommentar des männlichen und deutlich älteren Gruppenleiters einzuordnen ist? Bin ich die Einzige, die Angst vor dem Besuch bei der Frauenärztin hat?

“Zum ersten Mal” zeigt: Nein, bist du nicht. Du bist mit diesen Gedanken, Zweifeln und Fragezeichen im Kopf nicht allein – denn vor dir sind schon sehr viele Frauen in einer patriarchalen Gesellschaft erwachsen geworden. Nur wird über die meisten dieser Themen geschwiegen.

Annika Prigge und Gesina Demes setzen diesem Schweigen mit ihrem Buch ein Ende. Gänzlich ungeschönt schreiben sie in sechs Kapiteln über die Themen Körper, Periode und Geschlechtsverkehr, Liebe, Zuhause und Familie, Zukunft und Gefühle – jeweils aus der Perspektive ihres jüngeren Ichs und ihrer jetzigen Perspektive. Eine Gegenüberstellung, die meines Erachtens wahnsinnig gelungen ist, um jüngeren Frauen zur Seite zu stehen, ohne dabei belehrend zu wirken; denn: Man war ja selbst auch mal in diesem Alter und hatte die gleichen Zweifel und Ängste.

Wie eine große Schwester führt “Zum ersten Mal” auf zutiefst persönliche Weise an das Thema Feminismus heran. Wer schon mehrere Beiträge zum feministischen Diskurs gelesen hat und eine gesellschaftspolitische Abhandlung erwartet, sollte zu einem anderen Buch greifen. Für jüngere Leser*innen ist es aber meiner Meinung nach ein sehr gelungener Einstieg. Teilweise hätte es angesichts der vermeintlichen Zielgruppe sogar noch niedrigschwelliger sein können, da Begriffe wie “Pick me Girls” und “FLINTA*” vielleicht noch nicht jeder 14-Jährigen ein Begriff sind.

Dennoch ist es genau das Buch, das ich mir in dieser Form für mein jüngeres Ich sehr gewünscht hätte – und das mich ganz sicher auch in seiner Aufmachung und seiner relativ einfachen und humorvollen Sprache angesprochen hätte. Auch jetzt habe ich es gerne gelesen: als eine Art Erinnerung daran, wie weit ich in den letzten zehn bis zwanzig Jahren gekommen bin. Und nach jedem Kapitel hatte ich große Lust selbst meine eigenen Erfahrungen zu den jeweiligen Themen aufzuschreiben.

Daher eine Empfehlung von Herzen: für Mädchen und junge Frauen – und für alle, die sich daran erinnern wollen, wie viel Kraft, Lebenszeit und Erfahrung es braucht, um sich langsam von patriarchalen Erwartungshaltungen zu lösen.