Wenn der Feiertagstrubel zur Zerreißprobe wird

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Die Prämisse dieser Leseprobe holt die Realität vieler Trennungsfamilien schonungslos auf den Teppich: Das vermeintlich heile Bild vom gemeinsamen Weihnachtsfest platzt wie eine Seifenblase, als der Ex-Partner ankündigt, seine neue Lebensgefährtin ganz selbstverständlich mit an die festliche Tafel zu bringen. Die Protagonistin Anne, emotional am Anschlag und hin- und hergerissen zwischen mütterlichem Pflichtgefühl, Selbstzweifeln und tiefer Kränkung, bricht aus dem zivilisierten Fassadenspiel aus. Statt gute Miene zum bösen Spiel zu machen, mietet sie sich kurzerhand eine einsame Blockhütte im Schwarzwald, um die zwölf Rauhnächte zwischen den Jahren ganz für sich zu nutzen.

Erzählerisch gelingt es dem Text hervorragend, die innere Zerrissenheit einer verlassenen Partnerin einzufangen: Das schlechte Gewissen gegenüber den Kindern, das bittere Vergleichen mit der jüngeren, scheinbar makellosen Nachfolgerin und die lähmende Scham über das eigene „Ausgemustertsein“ fühlen sich absolut echt, ungeschönt und schmerzhaft menschlich an. Auch die Dynamik mit der besten Freundin Gesa, die als bodenständige Resilienz-Trainerin mit Baldriantee, Humor und klaren Ansagen den nötigen Schubs zur Selbstfürsorge liefert, bringt willkommene Leichtigkeit in das trübe Dezembergrau. Die Idee, die traditionellen Rauhnächte als Rahmen für eine persönliche Neuausrichtung und Trauerarbeit zu wählen, weckt sofort Neugier auf die angekündigten Rituale in der verschneiten Hütte.

Ein kleiner Wermutstropfen bleibt allerdings im Vorfeld der eigentlichen Geschichte hängen: Der Blick ins Impressum offenbart, dass der Verlag für Teile der Innengestaltung auf KI-generierte Grafiken zurückgegriffen hat – eine Entwicklung, die den Gesamteindruck eines ansonsten so intimen, auf menschliche Erdung ausgerichteten Werkes spürbar dämpft. Zudem bedient der Text stellenweise sehr vertraute Schablonen des Wohlfühl-Frauenromans (die schicke Pariserin im Edelmantel gegen die vernachlässigte Theaterangestellte in Funktionskleidung).

Trotz dieser kleinen Klischees bleibt der erzählerische Kern warmherzig, lebensnah und einfühlsam gestrickt.