Mehr bekommen als gedacht – aber das ist trotzdem nicht genug

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Mit »Alma« legt Federica Manzon einen Roman vor, der weit mehr sein will als eine Geschichte über Heimkehr und Jugendliebe. Schon der Schauplatz – Triest, jene schillernde Grenzstadt zwischen Ost und West – verweist auf die historische und politische Tiefenschärfe des Buches. Zwischen habsburgischer Vergangenheit, jugoslawischem Erbe und italienischer Gegenwart entfaltet sich ein Panorama, das Fragen nach Identität, Herkunft und Zugehörigkeit verhandelt. Erfreulicherweise ist der Roman deutlich weniger seicht, als es das Cover zunächst vermuten lässt. Statt eines leicht konsumierbaren Unterhaltungsstoffs erhält man einen literarisch ambitionierten, politisch grundierten Text. Die Auseinandersetzung mit der östlichen Grenze Italiens, mit den Schatten des Krieges jenseits dieser Linie und mit den biografischen Brüchen einer ganzen Generation verleiht dem Stoff Gewicht. In dieser Hinsicht erfüllt das Buch durchaus den Anspruch, mehr zu sein als eine Liebesgeschichte – und das ist ausdrücklich positiv zu vermerken. Dennoch blieb bei mir eine gewisse Distanz. Trotz der thematischen Fülle vermochte der Roman mich nicht wirklich zu packen. Der Stil wirkt streckenweise austauschbar; er ist solide, aber selten von jener sprachlichen Eigenwilligkeit, die Figuren und Landschaft dauerhaft im Gedächtnis verankert. Auch der Aufbau der Handlung erscheint nicht durchgehend überzeugend komponiert. Rückblenden, politische Exkurse und persönliche Erinnerungen stehen nebeneinander, ohne sich immer organisch zu verdichten. So entsteht ein Roman, der inhaltlich ambitioniert, in der Ausführung jedoch eher mittelmäßig bleibt. Alma bietet interessante historische und politische Perspektiven und rückt eine faszinierende Stadt ins literarische Zentrum, doch als erzählerisches Gesamtkunstwerk erreicht es nicht jene Intensität, die große Literatur auszeichnet.