Buch über die Lebensmitte von der Autorin mit dem schönen ungarischen Namen

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Ildiko von Kürthy begleitet mein Leben nun beinahe 30 Jahre lang. Ihre Stimme war mir immer lieb und sie war meinem Alter einen Tick voraus, sodass sie ein wunderbarer literarischer Wegweiser für alles, was mir im Leben an Phasen bevorstand, wurde. Ich habe nach der Lektüre von „Mondscheintarif“ meine Dating Erfahrungen in den Zwanzigern gemacht, mit Mitte Dreißig mein Kind „Unter meinem Herzen“ getragen und nun beginne ich mein nächstes halbes Jahrhundert mit „Alt genug“.
Dieser Roman ist anders. Aus dem Nähkästchen geplaudert hat von Kürthy schon immer. Nun lässt sie aber so viele Dinge Revue passieren, dass viele Kritiker von einem Memoir sprechen, ein Terminus, der mir hier nicht passt, weil erstens verfrüht und zweitens falscher Fokus.
Thema des Buches ist die Lebensmitte - nicht das Fazit eines ganzen Lebens. Klar rechnet sie mit Dingen ab, die sie sich nicht mehr antut.
„Ich trage keine hohen Schuhe mehr. Ich ziehe auch keine Hosen mehr an, die mir die Innereien in Richtung Schlund pressen, bis es sich so anfühlt, als quölle meine Milz gleich aus den Ohren oder als verstopften meine Nieren die Nasennebenhöhlen.“
Genau diese Art Schilderung ist typisch für die Autorin und dafür liebe ich sie – auch wenn sich mir die Frage stellt, warum sie bei diesen Strömungen mitgeschwommen ist. Sie hätte sich schließlich auch dagegenstellen können.
Naturgemäß steht die Lebensmitte für mehr als Altern. Hier kommen die ersten Krankheiten und Todesfälle im Freundes- und Familienkreis. Das spürt man dem Buch an. Der Ton ist nicht nur reifer, sondern näher zum Tod und Krankheit, als ich es von den anderen Büchern der Autorin gewohnt bin.
Zu lesen ist „Alt genug“ leicht und flüssig. Oftmals musste ich schmunzeln. Immer war mir die Autorin mit ihren Ecken und Kanten UND Rundungen sympathisch. Das Buch ist schwermütiger als seine Vorgänger, aber es holt mich wieder genau dort ab, wo ich im Leben gerade stehe. Vielen Dank, liebe Ildiko!