Ein Memoir, kein Roman, wieder ein Stückchen älter und weiser

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern
frischelandluft Avatar

Von

Kein Schutzumschlag, holzhaltiges Papier, die Rohversion des Buches passt zum Inhalt. Kürthy hat diesmal keinen Roman geschrieben, sondern wie sie selbst sagt, ein Memoir. Das gefällt mir, Inhalt und Form. Das Papier der letzten Romane war mir zu glatt, das hier hat mehr Haptik, wie der Inhalt. Ich bin drei Wochen älter als Kürthy und die letzten Jahrzehnte mit ihr und ihren Romanen älter geworden. Ich konnte und kann mich mit vielem identifizieren, worüber sie schreibt, sie gibt mir ein Gefühl von Gemeinschaft, ein Anspruch, den sie an ihre Werke stellt – wie sie hier schreibt. Im Duden gibt es nur das Pluralwort Memoiren, sie wählt den (nicht vorhandenen) Singular, „ein Stückchen aus meinem Leben.“ Sie erzählt von einem Lebensabschnitt, dem Jetzt, in dem sie „alt genug“ ist – umrahmt von einem Partybesuch – Episoden aus ihrem Leben zu den Themen, Älterwerden, Selbsteinschätzung und -akzeptanz, Schreiben, Beziehungen und Freundschaft, Ängste und Komfortzonen usw. – der Tenor dieser Episoden ist nicht neu, bezieht sich diesmal nur auf reale Personen und viel auf sie selbst und mit weniger Augenzwinkern als wir es von ihr gewohnt sind. Der Monolog ist manchmal ein bisschen nervig, auch weil sie sich häufiger wiederholt, aber ich erkenne mich selbst darin und kann sie verstehen. So wie ich an manchen Stellen die Augen rolle, ertappe ich mich häufig dabei, wie meine Familie oder auch Freunde mit den Augen rollen, wenn ich rede und rede und sie und mich nerve, aber gleichzeitig fühle, dass endlich mal gesagt werden muss, was ich zu sagen habe. Mir gefallen ihre Zeilen über das Schreiben, an dieser Stelle verwebt sich das Memoir mit ihren anderen Romanen – alles, was sie erlebt, macht sie zum Thema, d.h. sie erlebt und beobachtet ihr Erleben zur selben Zeit, steht sozusagen neben sich – mir geht es genauso. Und dieser Satz ist das, was sie, glaube ich, am liebsten hört und der Grund, warum ich ihre Bücher mag.