Eskapismus vom Feinsten, aber für mich zu langsam und ohne Spannung

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henrike von buchstabensalat.net Avatar

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Auf Cursed for Good wurde ich in der Buchhandlung aufmerksam. Es machte mich neugierig mit dem Untertitel "Eine Prinzessin. Ein Pirat. Und ein verfluchter Buchladen." Diese Kombination reichte, um Ideen in meinem Kopf entstehen zu lassen. Ich war auch neugierig darauf, wie sich das Element Cozy Romantasy darstellen würde, mit dem ich bisher noch nicht allzu viele Erfahrungen gemacht habe - Fantasy und Romantasy lese ich seit vielen Jahren, aber der Trend "cozy" ist neu für mich.

Meiner Meinung nach passt das Schlagwort „cozy“ perfekt zu Cursed for Good. Die Stimmung ist wirklich gemütlich, das Setting in einer abgelegenen Stadt urig und die Charaktere wirklich das: größtenteils schrullige Charaktere mit individuellen Eigenschaften und nicht nur 08/15-Figuren, die man so überall finden kann. Vielleicht liegt es an der Tatsache, dass unsere Protagonistin eine verwunschene Prinzessin ist, dass ich immer wieder das Gefühl hatte, ein Märchen zu lesen. Die vielen küssenden Prinzen tragen wohl auch zu diesem Eindruck bei – Flüche können schließlich durch den Kuss eines Prinzen aufgehoben werden, nicht wahr? Wenn dann aber wieder die verschiedenen Völker beschrieben werden, mit Drachenflügeln oder knallroter Haut mit Hörnern, hatte ich kurz Doctor-Who-Vibes, die aber schnell wieder vorübergingen.

Eskapismus

Die Idee, einem charmanten Piraten Angst vor dem Meer und allen anderen größeren Wasserflächen zu verpassen, ist genial. Eine vielbeschäftigte Prinzessin aber dazu zu verfluchen, endlich einmal stillstehen zu müssen und ihr damit die Gelegenheit zu geben, durchzuatmen und herauszufinden, was sie eigentlich mit ihrem eigenen Leben anfangen möchte, trifft wahrscheinlich den Wunsch vieler Lesenden auf den Kopf: In einer stressigen Welt, die ständig neue Höchstleistungen erwartet und uns von einer Herausforderung in die nächste Aufgabe treibt, ist der Wunsch nach Zeit für sich selbst und nach ein bisschen Ruhe, um einfach mal ein Buch zu lesen – oder zwölf – sehr nachvollziehbar. Dass der Verlag Cursed for Good daher mit dem Schlagwort „Eskapismus“ bewirbt, ist absolut korrekt.

Tandy geht es in Cursed for Good nicht anders als uns im Alltag. Sie hat im Gegensatz zu uns allerdings das finanzielle Polster und die nötige Rückendeckung, um einfach mal auf die Pause-Taste zu drücken. In ihrem Fall gezwungenermaßen, aber sie ist gar nicht so traurig darüber. Mit der Zeit nagt ihre neue Situation verständlicherweise doch ein bisschen an ihr, aber insgesamt ist sie mit dem Leben als verfluchte Prinzessin in einer staubigen alten Buchhandlung sehr zufrieden. Ihre neuen Freundschaften, allen voran ein gewisser Pirat und ihre Teenager-Aushilfe, bringen ja auch allerlei Unterhaltung mit sich.

Zu cozy für meinen Geschmack?

Ich habe beim Lesen gemerkt, wie sehr ich durch meine übliche Lektüre (insbesondere durch Urban Fantasy, mein Lieblingsgenre) schnellere Handlungen und sich schneller entwickelnde Beziehungen gewohnt bin. Immer wieder habe ich auf meinen Lesefortschritt bzw. die aktuelle Seitenzahl geschielt und mit dem Gedanken gekämpft, wann es denn jetzt richtig losgehen würde – obwohl ich längst mittendrin steckte. Dabei war ich nach den ersten paar Kapiteln von Cursed for Good, die sich für meinen Geschmack sehr zäh gestalteten, gar nicht gelangweilt. Es passierte ja immer etwas: Mal kam ein neuer Prinz mit einem ganz eigenen, albernen Auftritt vorbei, an anderer Stelle traute der Pirat sich ein bisschen weiter vor und Tandy wusste vor lauter Flirten gar nicht mehr, wo ihr der Kopf stand, und wieder ein anderes Mal sorgte die aufkeimende Liebe zwischen Tandys Assistentin und deren Schulfreundin für Aufregung.

Und doch wurde so gemächlich erzählt, plätscherte die Handlung so entspannt und ohne wirklichen Druck vor sich hin, dass ich zwischendurch die Lust verlor, weiterzulesen. Ich habe gemerkt, dass nicht genug auf dem Spiel stand, um mich bei Laune zu halten. Option 1, Tandy löst ihren Fluch: cool. Sie würde schon einen Weg finden, ihre neuen Freunde regelmäßig wiederzusehen und eine Beziehung mit dem Piraten zu führen – vorausgesetzt, die beiden gestehen sich endlich mal ihre gegenseitigen Gefühle. Option 2, Tandy löst ihren Fluch nicht: auch cool. Sie fühlt sich in ihrem Buchladen sehr wohl, ihre alten Freunde kommen ab und zu vorbei, ihre Familie wird sich schon mit der neuen Situation arrangieren können.

Jede Version, wie die Geschichte weitergehen könnte, würde ein Happy End in irgendeiner Form mit sich bringen. Dadurch verlor die Handlung für mich einfach an Spannung – was ja aber wohl Sinn und Zweck einer Cozy Fantasy bzw. Cozy Romantasy ist. Ich hatte beim Lesen ein sehr ähnliches Gefühl wie bei Slice of Life Mangas, die einen Ausschnitt aus dem alltäglichen Leben zeigen, ohne wirklich große Abenteuer oder lebensverändernde Events zu beinhalten.

Messages

Was mir sehr gut gefällt, ist die beiläufige Art, wie wichtige Messages über gesunde Beziehungen in Cursed for Good eingeflochten wurden. Tandys fünfzehnjährige Assistentin versteht den großen Unterschied zwischen küssen und geküsst werden nicht, als der Pirat wütend über die ständigen prinzenhaften Überfälle auf Tandys Lippen wird, während die Assistentin ins Schwärmen gerät. Er erklärt dann (ohne die Vokabel „consent“ zu nutzen), dass Tandy sich das nicht ausgesucht und nicht wirklich Freude an den Küssen dieser Leute hat – und sie, ganz wichtig, nicht erwidert. Das Mädchen versteht – ein bisschen – und Tandy ist enorm dankbar, dass sie gesehen wird.

Es geht um klare und gesunde Kommunikation zwischen (potenziellen) Partnern und Familienmitgliedern, um das Respektieren von persönlichen Grenzen – auch, wenn diese Grenzen sich im Lauf der Zeit verändern. Eine einmal gegebene Zustimmung – in diesem Fall geht es um königliche Auftritte, keine Intimität – kann zurückgenommen werden. Nichts davon erzeugte bei mir den Eindruck, mit erhobenem Zeigefinger belehrt worden zu sein. Stattdessen fallen mir jetzt beim Schreiben meiner Rezension immer mehr Szenen ein, die ich aufzählen könnte, obwohl ich zuerst nur von den Küssen schreiben wollte.

Was mir auch gerade jetzt erst so richtig bewusst wird: Das sonst leider so typische Machtgefälle zwischen Männern und Frauen fehlt. Obwohl die Prinzen Tandy küssen, um den Fluch möglicherweise aufzuheben, und obwohl sie kein allzu großer Fan davon ist, passiert alles erst nach ihrer Zustimmung. Die Bürgermeisterin ist eine Frau, die Königin hat scheinbar in ihrer Ehe die Hosen an, die Person, die zum Lösen aller Probleme ausgeschickt wird, ist eine Frau. Auch Tandys Fluch stammt von einer Frau. Der Pirat tut piratige Dinge, wendet dabei aber keine Gewalt an und macht absolut gar nichts gegen Tandys Willen.

Man könnte jetzt vermuten, dass das Machtgefälle einfach umgedreht wurde, aber das ist auch nicht der Fall. Kaum zu glauben, aber die Leute sind sich einfach ebenbürtig! Teilweise sogar trotz der königlichen Hierarchien oder der Altersunterschiede. Das trägt gewaltig zum Cozy-Faktor bei, weil ich mir beim Lesen keine Sorgen um Manipulation oder Missbrauch machen musste.

Fazit

Meiner Meinung nach trifft Cursed for Good genau ins Schwarze, was Cozy Fantasy, Slow Burn und Eskapismus betrifft. Die Handlung plätschert langsam voran, ohne dass die Charaktere größeren Risiken ausgesetzt wären, und die Autorin zeigt dass sie tolle, einzigartige Geschichten erzählen kann. (Die Danksagung ist lesenswert, btw.)

Ich bin nach dieser Lektüre um eine Erfahrung reicher und weiß, dass zumindest diese Art der „Cozy Irgendwas“ meinen Geschmack nicht recht treffen will. Ich brauche offenbar deutlich mehr Tempo und „higher stakes“, um mich an ein Buch fesseln zu können. Das kommt für mich nicht gänzlich überraschend, aber es enttäuscht mich schon ein bisschen – die Prämisse von Cursed for Good klang einfach so, so gut!

PS – Band 1 einer Reihe?

Auf der Seite des Verlags wird Cursed for Good als Band 1 der Reihe For Good bezeichnet. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Rezension ist nicht erkennbar, worum sich weitere Bände der Reihe drehen könnten. Nach meinem Verständnis ist Cursed for Good ein Stand Alone, also ein Einzelband, und damit inhaltlich abgeschlossen. Ich vermute, dass weitere Bände mit derselben cozy Grundstimmung geplant sind, die sich dann aber um andere Charaktere drehen werden.