Düster, eisig und sofort verdammt spannend!
Ich habe gerade die Leseprobe zu Das Krähenzimmer von Carolin Frey verschlungen und bin absolut gefesselt von der Atmosphäre, die hier aufgebaut wird. Schon der Prolog wirft einen mitten hinein in ein klaustrophobisches Szenario: Eine verletzte Person, die sich mitten in einer stürmischen Nacht in einem Schrank versteckt, um vor einem unbekannten Verfolger ein wichtiges Geheimnis in Sicherheit zu bringen. Das ist als Einstieg so intensiv und filmisch geschrieben, dass man sofort Gänsehaut bekommt. Der Übergang zum ersten Kapitel ist dann psychologisch richtig stark gelöst. Wir lernen Lotta kennen, die nachts nach einer endlosen, wetterbedingten Odyssee mit der Bahn in dem kleinen, eingeschneiten Küstenort Geelekow strandet. Die Gegenüberstellung ihrer idyllischen Kindheitserinnerungen an diesen Ort und der aktuellen, düsteren Realität im Hier und Jetzt funktioniert fantastisch. Man spürt beim Lesen förmlich die eisige Kälte und das wachsende Unbehagen, als sie nachts mutterseelenallein zu Fuß durch die Dunkelheit stapfen muss, während im Wald die Äste knacken. Die Begegnung mit dem wortkargen Fischer Bo, der sie im Jeep mitnimmt, und der darauffolgende Beinahe-Crash mit einer Gruppe randalierender Jugendlicher bringen sofort eine unvorhersehbare Dynamik in die Geschichte. Und als wäre die Ankunft an der einsamen Villa Sturmmöwe nicht schon unheimlich genug, deutet das darauffolgende Kapitel aus einer anonymen Täter- oder Beobachterperspektive an, dass Lottas Zufluchtsort in Wahrheit eine Falle sein könnte. Das Konzept der „Schreibtherapie“ und die düsteren Andeutungen über ein Ereignis, das zehn Jahre zurückliegt, schrauben die psychologische Spannung enorm hoch. Der Schreibstil ist angenehm flüssig, extrem bildhaft und schafft es meisterhaft, die winterliche, paranoide Stimmung an der Küste einzufangen. Nach dieser Leseprobe will man eigentlich nur eins: Sofort weiterlesen, um zu erfahren, welches Grauen in der Villa Sturmmöwe und im Krähenzimmer auf Lotta wartet. Ein absolut gelungener, vielversprechender Thriller-Auftakt!