Von der Freundschaft in dunklen Zeiten

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Der Ich-Erzähler Hermann, genannt "Manno", muss als Kind nach dem Tod der Mutter plötzlich aus den Niederlanden nach Wien ziehen, wo seine Tante lebt, während der ihm kaum bekannte Vater im Ersten Weltkrieg kämpft. Zuerst ist es schwer für den Jungen, den Umzug zu verkraften und auch die Tante ist nicht sehr liebevoll zu ihm. Doch dann kommt er mit Glück zu einem Sommerferienlager mit Schwerpunkt Musik südlich von Wien, wo er die Kinder Bertl, Lotte, Max, Franzi und Béla kennen lernt und die sechs Kinder schon bald eine verschworene Gruppe bilden. Es sind Kinder und erst einmal spielen Unterschiede in Herkunft, Religion oder sexueller Orientierung keine Rolle.

Aus den Kindern werden Jugendliche und junge Erwachsene, die sich am Anfang des Studiums in Wien wieder über den Weg laufen. Béla ist aus einer vermögenden ungarischen Adelsfamilie und hat großzügige Räumlichkeiten in Wien zur Verfügung, die auch von den Freunden gerne für Treffen genützt werden. Zusätzlich fährt die Freundesgruppe einmal im Jahr gemeinsam auf Sommerfrische aufs Land, zu "Baumi", einer Bekannten, die die jungen Menschen herzlich bewirtet und wo sie auf den Berg Loser steigen und im Altausseer See schwimmen können. Idylle pur und ungetrübte Freundschaft, so schön, dass es fast schon unwirklich wirkt und man sich fragt, wann die Handlung ein an Fahrt aufnehmen wird.

Dieses Buch lässt sich ausgiebig Zeit, in seine Welt, die Figuren und ihre Freundschaft einzuführen, was manchen Leserinnen und Lesern, auch mir, am Anfang durchaus etwas Geduld abverlangen kann. Es dauert mal locker ein Drittel des Buches, bis die Handlung etwas spannender wird und sich erste größere Konfliktlinien zu zeigen beginnen. Rückblickend bin ich aber sehr froh, das Buch weiter- und ausgelesen zu haben, und es wird dann auch verständlich, warum das Buch diese ausführliche Basis gebraucht hat, denn es ist wichtig für die weitere Handlung, die Charaktere ausführlich kennen gelernt zu haben.

Denn in den 1920er bis 1940er Jahren werden die Freundschaften der Freunde, nun junge bis ein bisschen gereiftere Erwachsene, auf viele harte Proben gestellt: erste Risse zeigen sich schon früh im Studium, als Bertl politisch den rechtsradikalen Burschenschaftern zugeneigt ist und stolz auf seinen "Schmiss" ist, Franzi sich leidenschaftlich für die Sozialisten engagiert und Béla seine Homosexualität erst sehr verborgen, dann aber immer offener erkundet und auslebt, wobei er ein großes Risiko eingeht, da das auch schon vor der NS-Machtübernahme zur damaligen Zeit illegal war und polizeilich verfolgt wurde.

Noch mehr spitzt sich die Lage in den 1930ern zu, als Bertl schon früh, als sie in Österreich noch verboten waren, der NSDAP beitritt, und Lotte bei erster Gelegenheit BDM-Führerin wird, während es für den schwulen Béla, aber auch für Franzi und Max, die jüdisch sind, immer schwieriger wird und die Diskriminierungen und Bedrohungen immer mehr zunehmen. Manno selbst positioniert sich kaum für die eine oder andere Seite, er wird von niemandem verfolgt, ist aber gleichzeitig lange auch der, der die Freundesgruppe zusammenhält... doch wie lange geht das noch? Wie positionieren sich die sechs Freunde angesichts von immer stärkerer Polarisierung und der damit einhergehenden drohenden Gefahr?

Judith Fanto ist insgesamt ein großartiges Werk gelungen, in dem zentrale Themen davon, was Freundschaft ausmacht, gezeigt und erlebbar gemacht werden: welche Geheimnisse müssen bewahrt werden und was macht das mit der Offenheit und dem Vertrauen in Freundschaften? Wie zeigt sich Loyalität und wo beginnt Verrat? Wie können Freundschaften überdauern, wenn die aktuellen Entwicklungen der Zeit so sehr gegen sie zu stehen scheinen? Aber auch: wo ist die Grenze zwischen Freundschaft, Romantik und Liebe, sowohl zwischen Frauen und Männern, als auch in der Beziehung zum eigenen Geschlecht, und was macht es mit der Freundschaft, wenn die romantische Anziehung - oder genau das Fehlen dieser - dazwischenfunkt bzw. die Anziehung einseitig bleibt?

Zeitlich wird die Spanne von Anfang des 20. Jahrhunderts bis zur Nachkriegszeit abgedeckt. Es hat mir auch sehr gut gefallen, dass das Buch nicht direkt mit Kriegsende vorbei war, sondern es dann noch eine sehr interessante Szene danach gab.

Empfehlen kann ich das Buch allen, die sich insbesondere für tiefgründige zwischenmenschliche Beziehungen und das Thema Freundschaft in schwierigen Zeiten interessieren und die die Geduld aufbringen, auch über am Anfang etwas langatmiger scheinende Passagen bei der Lektüre zu bleiben: es lohnt sich, denn am Ende klappt man ein Buch zu, das tief emotional berührt hat und sicher für lange Zeit im Herzen bleiben wird.