Wie zerbricht eine Freundschaft im Sog des Nationalsozialismus?

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antjep78 Avatar

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Wie zerbricht eine Freundschaft, wenn die Welt um einen herum in den Sog des Nationalsozialismus gerät? Judith Fanto geht dieser schmerzhaften Frage in ihrem Roman „Der Betrachter“ auf so feinfühlige wie eindringliche Weise nach, dass man das Buch kaum aus der Hand legen mag.

Besonders beeindruckt hat mich dabei, wie intensiv und greifbar die Autorin den historischen Kontext darstellt. Die schleichende Infiltration des Faschismus in den Alltag, die politischen Umwälzungen und die zunehmende Bedrohung in Österreich sind so nahbar und eindringlich geschildert, dass mich das beim Lesen tief berührt hat.

Um ehrlich zu sein: Mit dem Aspekt der Kunst (Hermann arbeitet als Kunstrestaurator) konnte ich persönlich zwar nicht ganz so viel anfangen und hätte diesen Handlungsstrang gar nicht unbedingt gebraucht – aber das hat meinem Lesegenuss zum Glück keinen Abbruch getan, da die menschlichen und gesellschaftlichen Konflikte absolut im Vordergrund stehen.

Der Roman folgt im Kern einer chronologischen Zeitstruktur, beginnend bei Hermanns Weg nach Wien in den 1910er- und 1920er-Jahren bis hin zu den dramatischen historischen Brüchen. Gekonnte Rückblenden und eine sehr gelungene reflexive Erzählweise (Hermann blickt als Ich-Erzähler nachdenklich und nostalgisch zurück) schaffen eine unheimlich intime Nähe.

Ja, die Einleitung nimmt sich Zeit, um die Figuren und die zunächst noch harmonische Wiener Freundesgruppe (Manno, Béla, Franzi, Max, Bertl und Lotte) detailliert einzuführen. Für manche mag das vielleicht etwas langsam wirken, aber für mich war genau diese behutsame Annäherung der Schlüssel: Man schließt die Figuren so ins Herz, dass der spätere Bruch umso härter trifft.
Wenn dann die politischen Spannungen zunehmen und vor allem Bertls schmerzhafter Wandel zum Nationalsozialismus die Gruppe zerreißt, entwickelt das Buch einen echten, emotionalen Sog. Der Höhepunkt und die anschließende fallende Handlung zeigen eindringlich, wie Verrat und der Verlust von Loyalität das Leben für immer verändern.

Judith Fanto schreibt unglaublich bildhaft und poetisch. Ihre Sprache hat eine enorme literarische Kraft, die die erdrückende Schwere der historischen Realität perfekt einfängt.

Meine Highlights:
• Charaktertiefe: Keine schwarz-weißen Figuren, sondern echte, verletzliche Menschen mit inneren Konflikten und Fehlern.
• Historischer Kontext: Wie bereits erwähnt, ein absolutes Highlight – die gesellschaftlichen Umwälzungen der Zeit werden brillant und hochrelevant eingefangen.
• Emotionale Resonanz: Themen wie Identität, Schuld und Verantwortung hallen noch lange nach dem Umblättern der letzten Seite nach.
(Kleinere Anmerkung: Die Fülle an Themen und Charakteren verlangt beim Lesen ein bisschen Aufmerksamkeit – aber das belohnt das Buch mehr als doppelt!)
Fazit: Mit „Der Betrachter“ ist Judith Fanto ein tiefgründiger, kluger und ungemein berührender historischer Roman gelungen. Eine absolute Herzensempfehlung für alle, die komplexe Charaktere, sprachliche Eleganz und eine starke historische Einbettung lieben!