Erinnerungen - Wahrheit und Fiktion

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federfee Avatar

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Familie und Zugehörigkeit, Erinnerungen - wahr oder erfunden? Migrantenschicksal, Heimatlosigkeit - eine Art Memoir

Man kann dieses Buch in die Schublade ‘Migrantenliteratur’ einordnen; ich las es als eine Art Memoir, ein fiktives Erzählen von Erinnerungen, ein Spiel mit Wirklichkeit und Erfundenem.

‘Die Texte sind verfälschte Storys seines Lebens.’ (49)

Said Al-Wahid, deutscher Staatsbürger mit irakischen Wurzeln, hat gerade erste Erfolge in seiner Schriftstellerkarriere. Auf der Rückreise von einer Lesung zu Frau und Sohn erreicht ihn die Nachricht seines Bruders in Bagdad, dass die Mutter im Sterben liegt. Spontan entschließt er sich, in den Irak zu reisen, um sie noch einmal zu sehen.

Es ist nicht nur eine Reise dorthin ZURÜCK, sondern eine Reise RÜCKwärts, in jeglicher Hinsicht. Während der langen Reise entfaltet sich vor dem Leser sein bisheriges Leben in Erinnerungssplittern: die Odyssee, die ihn aus dem Irak heraus über Jordanien und Ägypten bis nach Griechenland geführt hat, das alles in anschaulichen, teils erschreckenden Episoden, ein wenig durch Splitter von Humor gedämpft, der aber oft ins Sarkastische abgeleitet. Endstation ist Deutschland, wo er zwar arbeitet und das Abitur nachholt, aber in die Mühlen der Bürokratie gerät oder eher an ‘Mauern aus Paragrafen’ (16).

‘...‘als ob Saids Leben kein Leben wäre, sondern ein überflüssiger Satz in den Akten der Behörden. Jeder konnte ihn mit einer flüchtigen Bewegung wegstreichen.’ (11).

Er bekommt Hilfe von wohlmeinenden Menschen und einer Anwaltskanzlei, die auf solche Fälle spezialisiert ist. Obwohl er erfolgreich ein ‘Inländer auf Papier’ geworden ist (17), hat er wegen seines Aussehens weiter mit Vorurteilen zu kämpfen. Halt gibt ihm seine Frau Monica, der kleine Sohn Ilias und die Schriftstellerei. Die ist erfolgreich, als er sich entschieden hat, nicht zwanghaft seine Erinnerungen detailliert zu rekonstruieren, sondern als er einsieht, dass er die Unzuverlässigkeit von Erinnerungen akzeptieren muss und als er sich zusteht, die Lücken durch Erfundenes aufzufüllen.

‘Seine Erinnerungen sind unvollendete Ereignisse, unpräzise Skizzen. Alles Teile eines großen Puzzles, das es zusammenzusetzen gilt. Viele dieser Teile existieren nicht mehr. Sie sind durch ein Loch im Gedächtnis verloren gegangen, unauffindbar.’
Und er will sie auch nicht finden; es gibt Erinnerungen, die er sich nicht wieder ins Gedächtnis rufen will:

‘Orte im Gedächtnis, die sind wie Minenfelder, sie können einen in Stücke reißen.’ (48)

Als er in Bagdad eintrifft, findet er es sehr verändert vor und sich selbst auch, denn vieles berührt ihn emotional nicht. Seiner Mutter blickt er noch ein letztes Mal ins bleiche Gesicht, denn sie ist vor seiner Ankunft gestorben.

Die Lage im Irak ist weiterhin nicht ungefährlich, so dass Sahid so schnell wie möglich nach Deutschland zurückfliegt. Es fragt sich, wo nun seine Heimat ist, ob es überhaupt eine für ihn gibt. Diesen inneren Zwiespalt verdeutlicht Khider den Lesern ohne pathetische Worte, so dass man ein wenig mehr Verständnis für die Seelenlage entwurzelter Menschen aufbringen kann. Das ist ein weiteres Thema neben dem Wahrheitsgehalt von Erinnerungen.

Fazit
Ganz nebenbei lernt man auch einiges über die Zustände im Irak, ‘ein Loch der Verzweiflung, zwei Jahrzehnte später ein Loch der Hoffnungslosigkeit’. - Und ist es nicht so, dass viele von uns in die Mühlen der Bürokratie geraten oder dass unsere Erinnerungen lückenhaft sind?

Es ist ein höchst lesenswertes Buch, dem ich viele Leser wünsche, 125 Seiten nur, aber voller Gedanken, Anregungen und merkenswerter Sätze.