Pageturner

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"Alte Konflikte aufzureißen, Dinge anzusprechen, über die man jahrelang geschwiegen hat, das ist, als würde man eine Narbe aufschneiden." (S. 352)

Ihr ganzes Leben hatte Elsa sich von ihrer Mutter zurückgestellt gefühlt. Während sie mit ihrem Dad in New York das Vater-Tochter-Gespann gibt und sich nach ihrer Mutter sehnt, wird Johanna für humanitäre Einsätze bei den Vereinten Nationen gebraucht. Ihr Job erfordert Auslandsaufenthalte und ständigen Einsatz in Krisen- und Kriegsgebieten. Da kommt es schon vor, dass sie es nicht zur Ballettaufführung ihrer Tochter schafft. Für Elsa wird es zum Normalzustand, dass ihre Erwartungen immer wieder enttäuscht werden. Aber auch für Johanna bedeutet ihre Arbeit private Entbehrungen. So sehr sie in ihrem "Menschenretter-Job" auch aufgeht, es bricht ihr das Herz, nie anzukommen – zu Hause und bei ihrer Tochter. Der Graben zwischen Johanna und Elsa wird tiefer und der Berg an Verletzungen auf beiden Seiten irgendwann so groß, dass ihn niemand mehr bezwingen kann.
Als Elsa selbst mitten im Leben steht und als erfolgreiche Anwältin am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag arbeitet, sprechen die beiden schon viele Jahre kaum noch miteinander. Dabei ahnen sie nicht, wie nah sie sich, trotz konträrer Ansichten, in Wirklichkeit sind. Erst Elsas Zusammenbruch und die Diagnose Burnout führen Mutter und Tochter wieder zusammen. Im Haus von Tante Toni am Rhein, das diese Johanna vererbt hat. Es ist der Herzensort beider Frauen, ihr gemeinsamer Nenner. Hier prallen zunächst die alten Konflikte erneut aufeinander, doch inmitten von Schutt und Altlasten finden Johanna und Elsa Stück für Stück wieder zueinander und erfahren dabei Unerträgliches.

Es ist eines dieser Bücher, das dich tief in das Geschehen zieht und dich jede Gefühlslage der Charaktere fühlen lässt. Wie eine Serie, die du wegbingst, weil du unbedingt wissen willst, wie es weitergeht. Ein Spannungsbogen von der ersten bis zur letzten Seite und wenn ich gerade dachte, jetzt ist alles gesagt, kam jemand mit einer weiteren Beichte um die Ecke.

Melanie Levensohn bringt eigene Erfahrungen aus ihrer Arbeit für die Vereinten Nationen in den Roman ein. Diese biografische Nähe verleiht den politischen und humanitären Aspekten des Romans spürbare Authentizität. Der schon ewig anhaltende Nahost-Konflikt mit seiner aktuellen Brisanz spielt eine zentrale Rolle. Die Gegensätze zwischen Kriegsgebieten und der Rhein-Idylle spiegeln auch den inneren Zwiespalt der Figuren.

"Der Morgen nach dem Regen" platzt thematisch aus allen Nähten, ohne ein Zuviel zu servieren. So nehmen die Themen Mutterschaft und mentale Gesundheit viel Raum ein, wenn es um die Geschichte der beiden Frauen geht. Die Zerrissenheit zwischen Job und Familie belastet vor allem Johanna: "Ich war einem Anspruch und Irrglauben erlegen, den ich mit Millionen von Frauen teilte." (S. 130) Durch Perspektivwechsel und Zeitsprünge tauchen wir in beide Lebenswelten und Sichtweisen ein und sehen, wie unterschiedlich die Mutter-Tochter-Beziehung jeweils erlebt wird. Stellenweise war es mir mit zu viel Kitsch und Pathos erzählt, doch immer so, dass ich nicht aufhören konnte zu lesen. Dieser Roman zeigt, dass Zusammenbrüche nicht nur Endpunkte sind, sondern Wegweiser zurück zu uns selbst - und dass sie neue Türen öffnen können, wenn wir sie zulassen. Eine Geschichte über Schuld und Vergebung, über die Sehnsucht nach Nähe und die Möglichkeit, alte Wunden zu heilen.