Solange uns jemand auffängt, wenn wir fallen

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janis lesepferd Avatar

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Weder der Buchtitel noch das Cover des Buches finde ich besonders ansprechend. Aber wie so oft, ist das Äußere eine Sache, der Inhalt eine andere. Jedenfalls war ich von der Leseprobe total begeistert. Nach dem Lesen des ganzen Romans bin ich es immer noch, auch wenn sich die emotionale Tiefe nicht über die ganze Geschichte hinzieht.

Die Autorin Stefanie Kremser wuchs in einem deutsch-brasilianischen Elternhaus in Sao Paulo, Brasilien auf. Der inhaltliche Bezug auf Brasilien ist daher sehr authentisch.

Die zentrale Figur ist Luisa, manchmal auch Lulu genannt. Sie wird einige Stunden nach ihrer Geburt von ihrer Mutter nicht nur verlassen, sondern auch im fünften Stock aus dem Fenster fallen gelassen. Sie überlebt das, weil sich im richtigen Augenblick jemand in der Nähe befand, der sie auffangen konnte. Eine geradezu symbolische Situation. Das Leben kann weitergehen, solange uns jemand auffängt, wenn wir fallen. Luisa wächst in der Studenten-WG ihres Vaters auf. Das ist eine ganz ungewöhnliche Kindheit, aber jedenfalls nicht die schlechteste Lösung.

Es ist immer jemand da, der sich um Luisa kümmert. Zeitweise wohnt auch ihr Retter Fergus, ein britischer Rugby-Spieler und Schreiner mit in der Gemeinschaft. Es sind Bewohner, die sich alle in einer Sondersituation befinden: Nicht mehr bei dem Eltern zu leben, aber auch noch keine eigene Richtung eingeschlagen zu haben. Es ist so ein Schwebezustand, in dem die Dinge reifen, bis es zu einer neuen Qualität kommt. Luisas Vater Paul kann sich auf keine neue Partnerschaft einlassen. Er kann einfach nicht mit Luisas spurlos verschwundenen Mutter Aza abschließen.

Wie so oft im Leben ist es auch hier so, dass wir die erforderlichen Informationen erhalten, wenn die Zeit reif dafür ist. Als Luisa 7 Jahre alt ist, löst sich die Studenten-WG auf, und Paul fällt eine Information in die Hände, die auf Azas möglichen Aufenthaltsort hinweist. Es stellt sich heraus, dass Aza einer der Nachfahren von Auswanderern aus dem bayrischen Dorf Hinterdingen ist, die 1893 nach Brasilien ausgewandert sind. Eine Geschichte mit langen Schatten in Brasilien und auch in Deutschland.

Paul nimmt eine Lehrerstelle in Sao Paulo an. Sie leben also in Brasilien und suchen nach Aza. Sie finden sie auch, haben wenig Zeit, mit ihr zu sprechen, denn Aza ist nur kurze Zeit bei ihrer Familie zu Besuch und gerade auf dem Weg zu ihrem Flug nach USA, wo ihr Mann und ihr kleiner Sohn leben. Sie füllt die Lücken in Luisas Geschichte. Und ganz leise, fast überliest man es, wird mitgeteilt, dass Paul gar nicht Luisas biologischer Vater ist.

Die Geschichte wird erzählt aus der Sicht des kleinen Kindes Luisa. Die Leichtigkeit, der Humor und die unvoreingenommene Offenheit der Erzählweise machen dieses Buch zu einem leicht lesbaren, emotional stellenweise sehr berührendem Lesestoff.

Der letzte Satz des 1. Kapitels ist eine bzw. die Botschaft dieses Romans: ".. und ich lernte,dass Liebe, ganz wie der Sinn des Lebens, ein ebenso ernstes und schmerzvolles Thema war wie Verlassenheit, ja, dass man lieben konnte, obwohl man verlassen worden war – und verlassen konnte, obwohl man liebte." Viele Dinge werden nicht direkt ausgesprochen, vor allem aber nicht bewertet, be- bzw. verurteilt. Die Geschichte ist wie sie ist. Es bleibt einem sowieso nichts anderes übrig, als das Beste daraus zu machen. Sie spricht bestimmt diejenigen Leser in besonderem Maße an, die eine ähnlich spektakuläre Familiengeschichte haben.