Literarische Predigt an bereits Bekehrte

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern
esclimont Avatar

Von

John Ironmonger ist hierzulande spätestens seit »Der Wal und das Ende der Welt« kein unbekannter Name mehr. Genau diese Bekanntheit war vermutlich auch der Grund, weshalb ich zu »Die Insel der Schimpansen gegriffen habe« – ohne den Erfolg seines Vorgängers wäre das Buch wohl eher an mir vorbeigegangen. Und rückblickend muss ich sagen: Viel verpasst hätte ich damit vermutlich nicht.
Das soll allerdings nicht bedeuten, dass der Roman schlecht wäre. Die Insel der Schimpansen ist eine unterhaltsame, leicht zugängliche und stellenweise durchaus berührende Lektüre. Ironmonger verbindet die Geschichte um die junge Forscherin Angel mit Fragen des Naturschutzes, der Ausbeutung von Tieren und unserem Verhältnis zur Natur. Gerade die Beschäftigung mit den Schimpansen und ihrer erstaunlich komplexen Kommunikation ist interessant und verleiht dem Roman einen gewissen Erkenntniswert. Man merkt, dass der Autor sich mit seinem Gegenstand auseinandergesetzt hat.
Gleichzeitig ist mir die Botschaft des Romans zu plakativ. Schon der Klappentext macht unmissverständlich klar, auf welcher Seite der Autor steht: hier die Tiere und ihre Beschützer, dort Gier, Trophäenjagd und rücksichtslose Geschäftemacher. Das ist zweifellos eine sympathische Position, nur erreicht man damit vermutlich vor allem jene Leser, die ohnehin bereits für den Schutz von Tieren sensibilisiert sind. Wer tatsächlich Trophäen jagt und darin kein moralisches Problem sieht, dürfte kaum zu einem Roman greifen, der ihm eben diese Praxis vor Augen führen möchte. Die Literatur predigt hier gewissermaßen zu den bereits Bekehrten.
Auch stilistisch bleibt Ironmonger ausgesprochen schlicht. Der Roman liest sich schnell und angenehm, die Dialoge sind zahlreich, die Figuren und ihre Beziehungen werden unkompliziert und ohne größere psychologische Tiefe entwickelt. Vieles davon hat man in ähnlicher Form bereits unzählige Male gelesen. Bisweilen hatte ich eher das Gefühl, einem gut gemachten, aber etwas kostengünstigen Fernsehfilm beizuwohnen als einem Roman, der mich literarisch wirklich überraschen könnte. Gerade angesichts der interessanten Grundidee hätte ich mir mehr Eigenwilligkeit und erzählerische Ambition gewünscht.
Irritiert hat mich zudem, wie unvermittelt der Roman gegen Ende in eine wesentlich dramatischere Tonlage kippt. Mord und Totschlag treten auf den Plan, obwohl die Geschichte zuvor eher ruhig und beinahe behaglich entwickelt wurde. Diese Zuspitzung wirkt auf mich deshalb weniger wie eine organische Konsequenz des Erzählten als wie der Versuch, dem Roman nachträglich noch die nötige Spannung eines Thrillers zu verleihen.
Und dennoch: Liest man »Die Insel der Schimpansen«, liest man es durchaus gern; man kommt schnell voran, die Geschichte ist unterhaltsam, die Schimpansen sind zweifellos liebenswert, und ganz ohne Wirkung bleibt die Auseinandersetzung mit dem Naturschutz natürlich nicht. Ironmonger schreibt einen Roman, der niemanden überfordern möchte und seine Botschaft klar und verständlich vermittelt.
Aber vielleicht ist genau das auch mein Problem mit diesem Buch. Es ist nicht schlecht, keineswegs. Es ist nur erstaunlich konventionell. Hätte ich es nicht gelesen, hätte ich jedenfalls nicht das Gefühl, eine bedeutende oder aufsehenerregende Neuerscheinung verpasst zu haben. Ein sympathischer, unterhaltsamer Roman mit einer wichtigen Botschaft – aber literarisch doch eher leichte Kost.