Ein leiser Roman über Lebensentscheidungen

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emaya Avatar

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„Die Liebe, später“ ist ein unaufgeregter Roman mit ruhigem Tempo. Cora, Mitte sechzig, ist eine erfolgreiche Journalistin, glücklich liiert mit Anselm. Sie hat vielleicht ein bisschen viel Stress, aber sie ist zufrieden: „Freiheit“ prangt in Leuchtschrift über ihrem Leben.

Doch eine schwere Herzerkrankung, die eine sofortige Operation nötig macht, zieht ihr den Boden unter den Füßen weg.
Zur gleichen Zeit geht ihr Partner Anselm, mit dem sie bislang eine Wochenendbeziehung geführt hat, in Rente. Die beiden leben nun auch unter der Woche gemeinsam.

Der Schock der plötzlichen Erkrankung, der lebensgefährlichen Operation sowie der ungewohnten Schwäche und Hilflosigkeit, die darauf folgen, wird für Cora zum Anstoß, über ihr weiteres Leben nachzudenken. Die nun entstehende räumliche Nähe zu ihrem Partner überfordert sie. Ohne bewusste Absicht beginnt sie, sich zurückzuziehen, und bereitet heimlich die Möglichkeit einer Flucht aus der Beziehung und aus dem scheinbar vorgefertigten Weg in den Ruhestand vor.
Diese Bewegung bleibt vor allem eine gedankliche. Cora schweigt über ihre Zweifel und hat gleichzeitig das Gefühl, ihren Partner zu belügen. Ihre innere Distanz spiegelt sich auch in der Erzählweise wider: Vieles bleibt angedeutet, Entscheidungen wirken zögerlich oder unentschlossen, Motive werden nicht immer ausformuliert.
Wir begleiten Cora dabei, wie sie auf ihr Leben zurückblickt, sich von ihrer bisherigen Arbeit, einem früheren Partner und vergangenen Lebensabschnitten verabschiedet. Auch die Zeit im Krankenhaus nach der Operation wird rekapituliert und auf diese Weise verarbeitet. Zwar spitzt sich die Situation zu, da ihr Mann zunehmend verletzt reagiert, doch das ruhige Erzähltempo bleibt bestehen und verzichtet auf dramatische Wendungen.

Ich habe das Buch gern gelesen und Coras Weg aufmerksam verfolgt. Dennoch hätte ich mir stellenweise mehr Tiefe gewünscht, um sie besser verstehen zu können. Ihr scheinbar absichtsloses Herumstolpern bleibt an einigen Punkten rätselhaft und erschwert es, eine echte Sympathie für sie zu entwickeln. Diese Distanz ist jedoch kein Mangel, sondern Ausdruck einer konsequenten Erzählweise: Die vielen Leerstellen entsprechen Coras eigener Ratlosigkeit und Verwirrung. Der Roman hält bewusst auf Abstand – und zwingt die Lesenden, diese Distanz auszuhalten.