Wie gut kennst du eigentlich die Menschen, die direkt neben dir leben?

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antjep78 Avatar

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Bei „Die Nachbarin“ von Nova Winter hatte ich ziemlich schnell dieses unangenehme Gefühl im Bauch, das ich bei Psychothrillern so liebe: Irgendetwas stimmt hier nicht. Nur konnte ich lange nicht greifen, was es eigentlich ist.

Smilla rettet beim Joggen den kleinen Moritz in letzter Sekunde vor dem Ertrinken. Eigentlich ein Moment, nach dem vor allem Erleichterung und Dankbarkeit bleiben sollten. Doch während Moritz’ Vater Quentin ihr überschwänglich dankt, begegnet seine Mutter Lou ihr auffallend kühl und abweisend.
Warum?
Diese Frage war nur der Anfang.
Denn Smilla beginnt genauer hinzusehen und entdeckt etwas, das sie nicht mehr loslässt: Moritz sieht ihr und ihrem Mann Jonas erstaunlich ähnlich. Als dann auch noch Hinweise auf einen Jungen auftauchen, der vor Jahren spurlos verschwunden ist, wird aus einem unguten Gefühl langsam etwas sehr viel Bedrohlicheres.
Und irgendwann wusste ich selbst nicht mehr, wem ich eigentlich noch trauen sollte.
Genau darin liegt für mich die große Stärke dieses Psychothrillers. Nova Winter setzt nicht auf permanente Action oder einen Schockmoment nach dem anderen. Die Spannung entsteht vielmehr im Kopf. Durch kleine Ungereimtheiten. Durch Blicke und Reaktionen. Durch Geheimnisse. Und vor allem durch die Frage, ob Smilla tatsächlich etwas auf der Spur ist oder ob sie sich immer weiter in etwas hineinsteigert.
Ich habe während des Lesens ständig neue Theorien entwickelt. Mal war ich überzeugt, eine Figur durchschaut zu haben, dann erschien plötzlich jemand anderes verdächtig. Und irgendwann war mein Misstrauen so groß, dass ich eigentlich niemandem mehr über den Weg getraut habe.
Smilla hat mir als Protagonistin gerade deshalb gefallen, weil sie nicht perfekt ist. Sie ist verletzlich, emotional und von ihrer eigenen Vergangenheit geprägt. Sie trifft Entscheidungen, bei denen ich manchmal am liebsten ins Buch gegriffen und sie geschüttelt hätte. Gleichzeitig konnte ich ihre Verzweiflung und ihren Wunsch nach Antworten sehr gut verstehen.
Auch der Aufbau hat meinen Lesesog verstärkt. Unterschiedliche Perspektiven, Rückblenden und Fabians Geschichte sorgen dafür, dass man immer wieder einzelne Puzzleteile bekommt, ohne sofort zu erkennen, welches Gesamtbild daraus entstehen wird.
Was mich aber besonders überzeugt hat: Hinter all den Geheimnissen steckt wesentlich mehr als nur die Frage nach Täter und Opfer.
Nova Winter erzählt von Verlust, Trauer und Schuld. Von Beziehungen, die unter extremen Belastungen zerbrechen. Von Menschen, die Entscheidungen treffen, weil sie mit ihrem Schmerz nicht mehr umgehen können. Und von der Frage, wie weit wir gehen würden, wenn uns das genommen wird, was wir am meisten lieben.
Dadurch waren für mich auch Quentin und Lou keine Figuren, die sich einfach in „gut“ oder „böse“ einordnen ließen. Manche ihrer Handlungen haben mich erschüttert, und trotzdem konnte ich zumindest verstehen, welche Gefühle und Erfahrungen sie dorthin gebracht haben. Gerade diese Grauzonen haben der Geschichte für mich viel Tiefe gegeben.
Mein Fazit:
„Die Nachbarin“ hat mir wieder einmal gezeigt, dass ein Psychothriller nicht laut sein muss, um mich zu fesseln. Ganz im Gegenteil: Hier war es gerade das Leise, Unterschwellige und zunehmend Beklemmende, das mich immer weiterlesen ließ.
Ich wollte wissen, was damals passiert ist. Ich wollte wissen, wer lügt. Ich wollte wissen, ob Smilla ihrer eigenen Wahrnehmung trauen kann.
Und vor allem wollte ich endlich verstehen, wie all diese Puzzleteile zusammenpassen.
Ein intensiver, psychologisch spannender Thriller über Geheimnisse, Verlust und die Abgründe, die sich manchmal ausgerechnet dort verbergen, wo nach außen alles vollkommen normal aussieht.
Klare Leseempfehlung für alle, die Psychothriller lieben, bei denen man bis zum Schluss miträtseln und misstrauen darf.