Endlich wieder Seethaler

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
nil Avatar

Von

Ich lese diesen Einstieg und habe sofort das Gefühl, in etwas hineingezogen zu werden, das sich nicht entscheiden will, was es ist – und genau darin liegt seine Sogkraft. Ein Junge mit der Schleuder, ein flüchtiger Moment, fast filmisch, und dann bricht der Text auf wie ein Haus mit zu vielen Zimmern: Stimmen, Erinnerungen, Beobachtungen, Widersprüche. Als Leserin springe ich hinterher, ein bisschen atemlos, weil ich nie sicher bin, wer hier gerade spricht – und ob das überhaupt wichtig ist.

Inhaltlich wirkt das wie ein Mosaik aus Leben in einer Straße, vielleicht sogar in einem ganzen Kosmos aus Vergangenheit und Gegenwart. Pflegeheim, Kriegserinnerungen, ein Antiquariat im Entstehen – alles steht nebeneinander, nichts wird hierarchisiert. Mich fasziniert, wie Wahrheit sofort wieder infrage gestellt wird: Eine Geschichte wird erzählt, die nächste Stimme zerlegt sie. Realität ist hier nichts Festes, sondern etwas, das ständig verhandelt wird. Und mittendrin dieser leise, fast verzweifelte Wunsch nach Ordnung – sichtbar in den detaillierten Plänen für das Antiquariat, als könnte man sich mit Büchern ein stabiles Gegenmodell bauen.

Der Schreibstil ist dabei das eigentliche Erlebnis. Rhythmisch zerschnitten, fragmentarisch, fast wie ein Stimmenchor, der sich überlagert. Mal poetisch und bildgewaltig, dann wieder trocken, fast protokollierend, dann plötzlich ironisch gebrochen. Diese ständigen Wechsel erzeugen ein eigenartiges Ambiente: zugleich roh und durchkomponiert. Ich habe beim Lesen das Gefühl, dass hier nichts zufällig ist, auch wenn es sich chaotisch anfühlt. Und genau dieses Spannungsfeld – zwischen Zerfall und Konstruktion – macht diesen Anfang so reizvoll. Man liest nicht einfach weiter. Man will herausfinden, wie das alles zusammenhängt – oder ob es das überhaupt tut.

Ich würde sehr gerne weiterlesen, dieser Text gefällt wie alles andere von Robert Seethaler.