Staub, Träume und die Poesie des Pflasters

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Die Leseprobe zu Robert Seethalers Roman „Die Straße“ hat mich von der ersten Seite an in ihren Bann gezogen. Seethaler entfaltet hier kein geradliniges Narrativ, sondern webt ein atmosphärisches Mosaik aus verschiedenen Perspektiven, die alle durch einen Ort verbunden sind: die Heidestraße. Besonders fasziniert hat mich die Geschichte des Mannes, der in einer ehemaligen Kohlenhandlung seinen Traum von einem Antiquariat verwirklicht. Sein fast schon rührender Optimismus – etwa wenn er die Umzugszeit seiner siebzehntausend Bücher auf die Minute genau berechnet – bildet einen wunderbaren Kontrast zur rauen, teils pessimistischen Realität der Nachbarschaft.
Die Sprache Seethalers ist dabei, wie gewohnt, von einer bestechenden Klarheit und einer ganz eigenen Melancholie. Er beherrscht die Kunst, mit wenigen Sätzen ganze Welten zu skizzieren: vom schlammigen Boden eines Geschäfts bis hin zu den Erinnerungen an die Kriegsjahre in den Kellern der Straße. Die kurzen, oft szenischen Abschnitte erzeugen einen Rhythmus, der den Leser förmlich durch die Jahrzehnte und Schicksale treibt. Man spürt förmlich den Kohlenstaub in den Rissen des Bodens und hört das Winseln des Hundes aus den Trümmern der Vergangenheit.
Nach Abschluss der Leseprobe ist mein Interesse geweckt. Ich möchte unbedingt erfahren, ob das „Antiquariat“ in der rauen Heidestraße tatsächlich Bestand hat und wie sich die Wege der verschiedenen Bewohner – vom Jungen mit der Schleuder bis zur alternden Tante im „Haus Abendschein“ – noch kreuzen werden. Seethaler scheint hier ein tiefgründiges Porträt menschlichen Lebens und Überlebens zu zeichnen, das weit über eine einfache Straßengeschichte hinausgeht.