Auf einer einzelnen Straße kann alles Menschenmögliche stattfinden

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"Ich erinnere mich noch an die Zeit, als da draußen alles größer war. Alles war riesig."

Auf einer einzelnen Straße in einer unbenannten Stadt findet das Leben statt: Ein Straßenfest bringt alle zusammen, führt aber auch zu Gewalt; ein kauziger Buchhändler kämpft ums Überleben; die Demenzkranken im Altersheim sehen die Welt etwas anders als die restlichen Bewohner; ein Junge holt mit seiner Steinschleuder die Tauben vom Himmel; und über allem schweben die anonymen Immobilienhaie, die das Viertel an sich reißen und lukrativ machen wollen. Es bleibt die Frage: Wer unterschreibt?

Seethaler wagt hier in gewohnt ruhiger Manier ein nettes literarisches Experiment. Selten werden die Leute benannt in diesen kurzen Auszügen, Momentaufnahmen aus dem Leben. Man kann sich einige Verbindungen zusammensetzen - zwischen der jungen Frau und ihrer Tante im Altersheim, einer Mutter und dem gewalttätigen Sohn, einem Pastor und dem Küster. Manche Dialoge bleiben ganz ohne Angabe der Beteiligten, manchmal gibt es nur Auszüge aus einem offiziellen Schreiben zu lesen. Ein Roman also, der in Andeutungen lebt. Letzten Endes geht es auch gar nicht darum, konkrete Erzähllinien und Figuren ausfindig zu machen, sondern sich vielmehr vom Strom der Erzählung mitziehen zu lassen.

Allerdings bleibt der Roman auch deshalb kaum im Gedächtnis - weil es eben Schemen sind, Momentaufnahmen, Augenblicke. Ja, hier wird das vermeintlich "wahre Leben" porträtiert, wie es in einer städtischen Straße ablaufen könnte. Mit allen kuriosen Gestalten, mit Liebe und Gewalt, Alter und Jugend, kurz, der ganzen Bandbreite menschlicher Erfahrungen. Diese Bandbreite ist bedroht durch eine kafkaesk anonym bleibende Immobilienfirma, die den Bewohner*innen die Straße wegnehmen will. Es bleibt die Frage, die auch im Roman gestellt wird: Warum überhaupt auf der Straße bleiben wollen, wenn sich das Leben so oder so anders doch überall abspielen könnte? So bleibt die Kritik an der Gentrifizierung doch etwas unausgegoren, auch als Reflexion über den generellen Sinn des Lebens und seine Situiertheit ist das Buch eher als Skizze zu verstehen.

So habe ich den Roman zwar in einem Rutsch weggelesen, da er durch das Episodenhafte zum Dranbleiben animiert, nehme aber im Nachhinein wenig davon mit, außer vielleicht eine grundlegende melancholische Stimmung und ein wenig Freude an den "kleinen Dingen" des Lebens.