Ein Kaleidoskop der Einsamkeit - Ein bewegendes Gesellschaftsporträt

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MEINE MEINUNG
Mit seinem neuen Roman „Die Straße“ hat der österreichische Schriftsteller Robert Seethaler erneut ein berührendes, unaufgeregt erzähltes Werk über das Leben und die menschliche Natur vorgelegt.
Im Mittelpunkt steht die Heidestraße, in einer namenlosen Stadt, eine scheinbar gewöhnlicher Ort mit Blumenladen, Antiquariat, Kneipe, Arztpraxis, Seniorenresidenz und mehreren Wohnhäusern. In verschiedenen Episoden eröffnet Seethaler aus verschiedensten Perspektiven kurze, fragmentarische Einblicke in das alltägliche Leben der dort lebenden Anwohner.
Es dauert eine Weile bis man sich in den vielstimmigen, stark fragmentarischen Erzählstil hineingefunden hat, denn sanfter Erzählfluss mit einer durchgehenden, mitreißenden Handlung und klassischer Figurenführung bleibt aus. Dennoch konnte mich das facettenreiche Kaleidoskop aus Gesprächsfetzen, inneren Monologen, Briefauszügen und subtilen Beobachtungen, das sich erst langsam zu einem Gesamtbild verdichtet, zunehmend in den Bann ziehen. Erst allmählich schälen sich aus dem labyrinthischen Stimmengewirr einzelne Figuren und ihre Lebensgeschichten heraus. Je mehr wir über ihre herben Verluste, kleinen Dramen, stillen Abstürze, bestürzenden Abgründe und ihre verborgenen Sehnsüchte erfahren, desto deutlicher lassen sie sich voneinander unterscheiden und gewinnen an Kontur und Präsenz.
Eindrucksvoll gelingt es Seethaler, die besondere Atmosphäre der Heidestraße lebendig einzufangen, so dass man das Gefühl hat, selbst Teil der Nachbarschaft zu sein, Gesprächen zu lauschen, Geschehnisse zu beobachten und den schleichenden Zerfall eines einstigen Gemeinschaftsgefühls mitzuerleben. Mit seinem einfühlsamen Erzählstil lenkt er geschickt das Augenmerk auf unscheinbare Details und gewährt schlaglichtartige, zugleich tiefgehende Einblicke in individuellen Lebenskrisen und Schicksale seiner Charaktere. Ob nun der Pfarrer auf Abwegen, die unglücklich Verliebte, der alkoholabhängige Pförtner oder die vereinsamten Heimbewohner – die Heidestraße ist bevölkert von so manchen eigenbrötlerischen Außenseitern, gescheiterten Existenzen und tragischen Helden. Sie nehmen einander zwar noch wahr, interagieren jedoch kaum noch miteinander und entfremden sich zunehmend bis schließlich echte Nähe nur noch zu einer Erinnerung verblasst.
Über den Verlauf eines Jahres hinweg zeichnet Seethaler sehr eindringlich das bedrückende Porträt dieser Nachbarschaft im Umbruch. Ein geplantes Gentrifizierungsprojekt durch skrupellose Spekulanten droht die Bewohner nach und nach zu verdrängen. Die bedrückende Darstellung des Verlusts von Heimat, Zugehörigkeit und Halt verlieren, ist Seethaler überzeugend gelungen. Gekonnt fängt er ein gesellschaftliches Klima ein, das von Vereinzelung, Rückzug, Härte und Sprachlosigkeit geprägt ist, und verleiht seinem Roman eine düstere, gesellschaftskritische und zugleich hochaktuelle Note, die zum Innehalten und zum Nachdenken anregt.

FAZIT
Ein bewegender und feinsinniger Roman über das Leben und die menschliche Natur, der seine Wirkung erst nach und nach entfaltet Die fragmentarische Erzählweise fordert zwar Aufmerksamkeit, belohnt jedoch mit Tiefgründigkeit und atmosphärischer Dichte. Ein stilles, zugleich erschütterndes Porträt einer Gesellschaft im Wandel.