Die Villa der 1000 Wünsche

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern
gürkchen Avatar

Von

Doreen Markert ist Filialleiterin in einem Discounter. Durch eine glückliche Fügung hat sie sich bei einer Zwangsversteigerung eine baufällige Villa im Leipziger Stadtteil Gohlis zum Spottpreis von 100 € gesichert. Mitbietende waren die Monument AG, ein finanzstarker Konzern, und Rico Weißbach, der als Erbschaftskläger seine vermeintlichen Eigentumsrechte an dem Gebäude lautstark einfordert. Die Villa hatte sie schon als kleines Mädchen mit ihrer Schönheit aus vergangenen Tagen magisch angezogen. Ihre pubertierende Tochter Marina ist hingegen alles andere als begeistert, auf eine staubige Baustelle zu ziehen. Sie möchte ihre Energie lieber in ihre stockende Musikkarriere stecken und hat weder Lust noch Zeit, Wände zu streichen oder neue Bodenbeläge zu verlegen. Eifrig beginnt Doreen, aus dem kräftezehrenden Projekt in jeder freien Sekunde ein gemütliches Zuhause zu machen. Niederschläge und Auseinandersetzungen mit Rico Weißbach lassen sie an dem Schnäppchenkauf verzweifeln. Die Verlockung eines Kaufpreisangebots der Monument AG in siebenstelliger Höhe auf ein Offshore-Konto lässt sie zusehends schwanken. Doch dann beginnt für die Markert-Frauen plötzlich und unerwartet eine Glückssträhne und die Verkaufsgedanken lösen sich in Luft auf.

Derweil sterben in Kensington (England) die beiden Seniorinnen Amelia und Isla auf mysteriöse Weise. Islas Enkel Ethan beginnt mit den Nachforschungen, denn im Gegensatz zur Polizei glaubt er ganz und gar nicht, dass es sich um einen natürlichen Tod nach einem schrecklichen Streit unter dem Einfluss von Sherry handelt.

Grundsätzlich eignen sich Lost Places für jedes Genre hervorragend, da sie die Neugier wecken und beim (literarischen) Betreten für Nervenkitzel sorgen. In dieser Villa wird die imposante Wirkung jedoch nicht vollständig als Ort des Grauens genutzt. Dreh- und Angelpunkt der Geschehnisse ist die untere Wohnung, die Doreen als Lebensmittelpunkt dient. Die weiteren Räume wie der Dachboden, der Keller oder die obere Wohnung werden dagegen nur als Nebenschauplätze für bestimmte Schlüsselszenen ins Scheinwerferlicht gerückt. Die hohe Standuhr im Flur, die von Beginn an gegen Verunreinigungen abgedeckt war, ertönt dagegen unentwegt mit ihrem drohenden Tick-Tack durch die Seiten. Ein Effekt, der im Hörbuch gewiss noch eindrucksvoller wirkt.

Während der Lektüre konnte ich das Gefühl nie ganz abschütteln, die Handlung bereits zu kennen. Zwar baute der Autor die Spannung kontinuierlich und gut strukturiert auf, dennoch suchte ich im Hinterkopf ständig nach dem Kinofilm oder dem Buch, das mir bekannt vorkam. Leider bin ich bis heute nicht auf die Lösung gekommen, aber vielleicht blieb Markus Heitz für meinen Geschmack auch schlichtweg zu oberflächlich in den Schilderungen. Die Beschreibungen der intensiven Treffen einer geheimen Loge und des „Cabaret du Néant“, des Kabaretts des Nichts, sind Appetithäppchen, die die Leser fesseln. Mir reicht die bloße Erwähnung in einem Brief der Großmutter oder im Archiv einer Bibliothek jedoch nicht. Mehr Tiefe an diesen historischen Anknüpfungen hätte mir sicherlich einen zusätzlichen Punkt bei der Bewertung beschert und eine schaurig-positive Wirkung auf die dunkle Aura der Handlung gehabt.

Wer sich häufig mit diesem Genre beschäftigt, ahnt früh, dass nur ein professioneller Exorzismus den Spuk der Villa beenden kann. Ohne zu viel verraten zu wollen, hat mich die rasche Abfolge des Rituals in Form einer unscheinbaren Segnung leider nicht vollends überzeugt. Hier wäre deutlich mehr Potenzial gewesen, um auch noch ein paar vermisste Horrorelemente als Finale einfließen zu lassen. Ich vergebe wohlwollende vier Sterne, würde aber wahrscheinlich eher eine Empfehlung (ohne Gewähr) für die vertonte Variante als Hörbuch aussprechen.