Die produktive Leere: Spionage, Satire und Sinnsuche

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Percival Everetts Roman Dr. No lässt sich vordergründig als literarische Travestie des klassischen Spionageromans lesen, doch diese Beschreibung greift zu kurz. Hinter der grellen Oberfläche aus Bond-Anspielungen, grotesken Superschurken und absurder Handlung entfaltet Everett ein komplexes Nachdenken über Bedeutung, Macht und Leere – ästhetisch verspielt, philosophisch ambitioniert und soziologisch hellwach.

Im Zentrum steht Wala Kitu, Mathematiker an der Brown University und Spezialist für das „Nichts“. Bereits diese Ausgangskonstellation markiert den Grundton des Romans: Identität, Wissen und gesellschaftliche Zuschreibungen werden nicht als stabile Größen verstanden, sondern als fragile Konstruktionen. Das „Nichts“ fungiert dabei weniger als bloßes Gimmick denn als erkenntnistheoretische Chiffre. Everett greift damit eine lange philosophische Tradition auf – von der Ontologie bis zur Existenzphilosophie –, ohne je in reine Theorieprosa zu kippen. Vielmehr werden abstrakte Fragen in narrative Bewegung übersetzt: Was besitzt Wert? Wer definiert Bedeutung? Und welche Gewalt geht von dem Anspruch aus, das Nichts kontrollieren zu wollen?

Die Figur des milliardenschweren Antagonisten John Milton Bradley Sill verkörpert diese Hybris in zugespitzter Form. Sein Wunsch, das „Nichts“ aus Fort Knox zu entwenden, wirkt absurd, verweist aber auf reale Machtfantasien spätkapitalistischer Eliten, die selbst Leere noch zu verwerten versuchen. Everett verbindet diese Kapitalismuskritik mit einer präzisen Beobachtung politischer und gesellschaftlicher Verwerfungen: Rassismus, autoritäre Tendenzen, Verschwörungsdenken und die Erosion demokratischer Normen sind keine Randmotive, sondern strukturell in die Handlung eingelassen.

Formal arbeitet der Roman mit einem bewusst hybriden Stil. Umgangssprachliche Dialoge stehen neben mathematischen und philosophischen Exkursen, Wortspiele neben existenziellen Fragen. Diese stilistische Uneinheitlichkeit ist kein Mangel, sondern Programm: Sie spiegelt eine Welt, in der Diskurse unverbunden nebeneinanderstehen und Sinn permanent neu ausgehandelt werden muss. Auch die satirische Überzeichnung der Figuren – etwa in der Persiflage des Bond-Girls oder der Geheimagenten – dient weniger dem Klamauk als der Demontage kultureller Klischees, insbesondere jener, die Geschlecht, Intelligenz und Macht betreffen.

Gerade hier zeigt sich Everetts soziologische Sensibilität. Sexismus erscheint nicht nur als individuelles Fehlverhalten, sondern als strukturelles Phänomen, ebenso wie Alltagsrassismus, der in scheinbar beiläufigen Szenen sichtbar wird. Zugleich erlaubt sich der Roman Momente unerwarteter Empathie, etwa in der Darstellung neurodiverser Wahrnehmungen und vorsichtiger emotionaler Annäherungen.

Dr. No ist damit weit mehr als eine intelligente Parodie. Der Roman fordert seine Leser heraus, Bedeutungen nicht als gegeben hinzunehmen, sondern als instabile Resultate von Macht, Sprache und Perspektive zu begreifen. Everett gelingt ein seltenes Kunststück: Er unterhält mit Witz und Absurdität und zwingt zugleich zur ernsthaften Reflexion. Gerade in dieser produktiven Spannung liegt die nachhaltige Wirkung des Romans.