Auch in Autisten können intelligente Menschen stecken
Stell’ dir vor, du stehst neben einem erwachsenen Mann, der im Rollstuhl sitzt und komische Geräusche von sich gibt. Was denkst du? …
Jetzt stell’ dir vor, du bist dieser Mann, hast einen klaren Verstand, möchtest etwas sagen, kannst es aber nicht, weil du nicht-sprechender Autist bist. Du bist in einem behinderten Körper gefangen und keiner versteht das oder sieht es - mit wenigen Ausnahmen.
Damit es keine Ausnahmen bleiben, sondern mehr Menschen verstehen, was es mit autistischen Einschränkungen auf sich hat, dass in diesem Körper möglicherweise ein Mensch mit hoher Intelligenz, mit Gefühlen, Träumen und Sehnsüchten steckt, wurde dieses Buch geschrieben - und zwar - was wie ein Wunder klingt - vom nicht sprechenden Autisten Woody Brown, Absolvent der University of California. Das wird dem Leser nicht in trockener Art und Weise vermittelt, sondern spannend und einfühlsam.
Wir begeben uns in eine Tagesstätte für erwachsene Autisten mit dem von Woody als zynisch bezeichneten Namen ‘Upward Bound’, eine ‘Irrenanstalt’, wie er es selber drastisch nennt, die ihre Insassen mit ‘infantilisierenden Tätigkeiten’ beschäftigt und einem strengen Tagesablauf unterwirft.
Woody selbst träumt davon, Romane zu schreiben und wie wir sehen, ist es ihm gelungen. Ein Wunder? Fragen, die beim Leser auftauchen, werden einleuchtend beantwortet:
Woody Brown erklärt, wie es ihm mit ‘den vielen Kanälen' im Gehirn geht, warum er nicht rechtzeitig passende Aussagen formulieren kann. Er verdeutlicht, warum er nicht selber tippen kann (22), sondern eine Buchstabentafel und einen Helfer dazu braucht. Trotz dieser Einschränkungen hat er mit Hilfe seiner verständigen, einfühlsamen Mutter einen Schulabschluss geschafft. Warum er dann doch eine Zeitlang in ‘Upward Bound’ sein muss, erklärt sich mit dem Tod des Vaters. Für uns Leser ergibt sich damit die Gelegenheit, uns ins Innere eines solchen Heimes zu begeben, die Umstände dort, vor allem aber die Personen kennenzulernen, Betreuer und Insassen oder vielleicht besser ‘Schützlinge’ genannt.
Das erzählt Woody Brown multiperspektivisch und ‘mit unterschiedlicher Sicht auf dieselben Ereignisse’ (so das Vorwort). Schon alleine das vermittelt dem Leser, wie sehr alles von persönlichen Einstellungen und Vorurteilen abhängt.
Sehr gut gefallen haben mir die beiden Kapitel aus der Sicht des bemitleidenswert einsamen Tom, der wie ein Filmstar aussieht und so die Aufmerksamkeit der Praktikantin Ann gewinnt. Auch wenn sie letztlich seine Versuche, durch Blinzeln zu kommunizieren nicht versteht, gibt es doch eine Art von Beziehung zwischen ihnen. Ann, die anfangs keinerlei praktische Erfahrung hat, versteht, dass alle ‘Schützlinge’ dort ganz unterschiedlich sind, ‘keine einförmige Masse von Funktionsstörungen’ darstellen (75).
Nicht alle bringen so viel Empathie auf wie z.B. auch der Pfleger Carlos. So ist der Leiter Dave zwar engagiert, was die Leitung der Stätte anbetrifft, aber eine Verbindung oder Verständnis für die Insassen hat er nicht.
Das Buch zeigt eindringlich, wie es in Autisten innerlich aussieht, wie sie leider nur ‘verwahrt’ und unterfordert werden, obwohl in vielen ein wacher Geist steckt, aber auch, wie es dem Pflegepersonal geht und welche Missstände es in diesem Bereich gibt. Vor allem aber macht es sehr deutlich, wie schrecklich es sein muss, im eigenen Körper gefangen zu sein, aber auch, wie mangelndes Sprachvermögen falsch eingeschätzt wird:
‘Wenn es um Sprache geht, können die Leute ganz schön elitär sein. Kannst du nicht kommunizieren, muss das bedeuten, dass du geistig zurückgeblieben bist.’ (17)
Fazit
Dieses Buch ist sprachlich leicht zu lesen, aber mit viel Gehalt versehen. Vor allem hilft es, sich von Vorurteilen zu befreien und einen anderen Blick auf Autisten, Behinderte und letztlich auf Menschen überhaupt zu gewinnen. Ich freue mich sehr, dass dieses Buch im Rahmen von 'Deutschland liest ein Buch’ weite Verbreitung finden wird. Es hat auch meine Einstellungen nachhaltig verändert. Ich wünsche ihm viele Leser und kann es nur uneingeschränkt empfehlen.
Jetzt stell’ dir vor, du bist dieser Mann, hast einen klaren Verstand, möchtest etwas sagen, kannst es aber nicht, weil du nicht-sprechender Autist bist. Du bist in einem behinderten Körper gefangen und keiner versteht das oder sieht es - mit wenigen Ausnahmen.
Damit es keine Ausnahmen bleiben, sondern mehr Menschen verstehen, was es mit autistischen Einschränkungen auf sich hat, dass in diesem Körper möglicherweise ein Mensch mit hoher Intelligenz, mit Gefühlen, Träumen und Sehnsüchten steckt, wurde dieses Buch geschrieben - und zwar - was wie ein Wunder klingt - vom nicht sprechenden Autisten Woody Brown, Absolvent der University of California. Das wird dem Leser nicht in trockener Art und Weise vermittelt, sondern spannend und einfühlsam.
Wir begeben uns in eine Tagesstätte für erwachsene Autisten mit dem von Woody als zynisch bezeichneten Namen ‘Upward Bound’, eine ‘Irrenanstalt’, wie er es selber drastisch nennt, die ihre Insassen mit ‘infantilisierenden Tätigkeiten’ beschäftigt und einem strengen Tagesablauf unterwirft.
Woody selbst träumt davon, Romane zu schreiben und wie wir sehen, ist es ihm gelungen. Ein Wunder? Fragen, die beim Leser auftauchen, werden einleuchtend beantwortet:
Woody Brown erklärt, wie es ihm mit ‘den vielen Kanälen' im Gehirn geht, warum er nicht rechtzeitig passende Aussagen formulieren kann. Er verdeutlicht, warum er nicht selber tippen kann (22), sondern eine Buchstabentafel und einen Helfer dazu braucht. Trotz dieser Einschränkungen hat er mit Hilfe seiner verständigen, einfühlsamen Mutter einen Schulabschluss geschafft. Warum er dann doch eine Zeitlang in ‘Upward Bound’ sein muss, erklärt sich mit dem Tod des Vaters. Für uns Leser ergibt sich damit die Gelegenheit, uns ins Innere eines solchen Heimes zu begeben, die Umstände dort, vor allem aber die Personen kennenzulernen, Betreuer und Insassen oder vielleicht besser ‘Schützlinge’ genannt.
Das erzählt Woody Brown multiperspektivisch und ‘mit unterschiedlicher Sicht auf dieselben Ereignisse’ (so das Vorwort). Schon alleine das vermittelt dem Leser, wie sehr alles von persönlichen Einstellungen und Vorurteilen abhängt.
Sehr gut gefallen haben mir die beiden Kapitel aus der Sicht des bemitleidenswert einsamen Tom, der wie ein Filmstar aussieht und so die Aufmerksamkeit der Praktikantin Ann gewinnt. Auch wenn sie letztlich seine Versuche, durch Blinzeln zu kommunizieren nicht versteht, gibt es doch eine Art von Beziehung zwischen ihnen. Ann, die anfangs keinerlei praktische Erfahrung hat, versteht, dass alle ‘Schützlinge’ dort ganz unterschiedlich sind, ‘keine einförmige Masse von Funktionsstörungen’ darstellen (75).
Nicht alle bringen so viel Empathie auf wie z.B. auch der Pfleger Carlos. So ist der Leiter Dave zwar engagiert, was die Leitung der Stätte anbetrifft, aber eine Verbindung oder Verständnis für die Insassen hat er nicht.
Das Buch zeigt eindringlich, wie es in Autisten innerlich aussieht, wie sie leider nur ‘verwahrt’ und unterfordert werden, obwohl in vielen ein wacher Geist steckt, aber auch, wie es dem Pflegepersonal geht und welche Missstände es in diesem Bereich gibt. Vor allem aber macht es sehr deutlich, wie schrecklich es sein muss, im eigenen Körper gefangen zu sein, aber auch, wie mangelndes Sprachvermögen falsch eingeschätzt wird:
‘Wenn es um Sprache geht, können die Leute ganz schön elitär sein. Kannst du nicht kommunizieren, muss das bedeuten, dass du geistig zurückgeblieben bist.’ (17)
Fazit
Dieses Buch ist sprachlich leicht zu lesen, aber mit viel Gehalt versehen. Vor allem hilft es, sich von Vorurteilen zu befreien und einen anderen Blick auf Autisten, Behinderte und letztlich auf Menschen überhaupt zu gewinnen. Ich freue mich sehr, dass dieses Buch im Rahmen von 'Deutschland liest ein Buch’ weite Verbreitung finden wird. Es hat auch meine Einstellungen nachhaltig verändert. Ich wünsche ihm viele Leser und kann es nur uneingeschränkt empfehlen.